Gespielt am: 13. Februar 2021
Stetig rückt Oberin seinem Ziel näher. Nach einigen Tagen des Ritts im vom Winter ausgemergelten Bornland finden sich Oberin und sein Führer Groggi außerhalb dessen Grenzen, im wilden Überwals wieder.
So hatten wir übergesetzt. Dahinter erwartete uns ein unwegsamer, schmerzhafter Marsch durch das Marschland bis zum Überwals. Viel wusste ich nicht über diesen Landstrich, der selbst ohne unmittelbare dämonische Verseuchung ein wüstes Stück Aventuriens war. Ob es all zu viele gab, die wirklich als vertraut mit dieser Gegend zu bezeichnen waren, bezweifele ich. Das Wenige, das mir darüber zu Ohren gekommen war, musste ich wohl von Finjan aufgeschnappt haben, vielleicht hatte ich auch ein paar Bruchstücke aus alten Büchern behalten. Als Überwals wurde das zerklüftete Gebiet jenseits des Walsachs bezeichnet, das Räubern und Piraten Unterschlupf bot, gleichsam von Hexen und ähnlich zweifelhaftem Volk bewohnt wurde, darüber hinaus aber die Heimat weit seltsamerer Geschöpfe war. Nur wenige Jahre zuvor war zur Befriedung des Gebiets – von der Möglichkeit einer ernsthaften Kontrolle darüber ist man weit entfernt – der Widderorden gegründet worden, der darin Festungen errichtet hatte und dessen Patrouillen dieses Land seither unablässig durchstreiften. Neuerdings schickt die Neersander Akademie zu diesem Zweck jeden ihrer Absolventen für wenigstens ein Jahr hier her. Finjan war dem noch entgangen. Dessen ungeachtet kann man in diesem Gebiet weiterhin jederzeit auf alles stoßen. Darauf war ich eingestellt, als wir am Nachmittag dieses Tages den Überwals betraten.
Es war der Wald selbst, der mich dann überraschte. Dieser Flecken Dere unterschied sich von den gewöhnlichen Orten, an denen Menschen weilen. Womöglich war er bloß urwüchsiger und ursprünglicher als große Teile der bewohnten Welt, doch schien es mehr noch zu sein. Der Wald rührte an meiner Seele, an etwas darin. Ich wollte diese Berührung erwidern, tastete mit den Sinnen nach ihm, bekam ihn aber nicht zu fassen.
Es wurde eine stille Wanderung, während der ich mehr auf den Wald lauschte als auf den Goblin zu achten und während der ich deutlich zu bemerken schien, wie der Wald vor mir her ging, als dass es mein Führer tat. Der Überwald bedrängte alle Sinne. Voll von Gerüchen war er selbst in der kalten Winterluft, in denen sich blühendes Leben mit Verwesung mischten. Allenthalben knackte etwas oder schrie jemand; im Gegensatz zu jenem Teil des Bornlandes, den wir die zurückliegenden Tage durchquert hatte, war dieser Ort überaus bevölkert, zumindest verhieß er das, wenngleich wir einstweilen wenig zu Gesicht bekamen. Da lag sogar ein unbestimmbarer Geschmack in der Luft. Wohin wir uns wandten, überall wucherten Bäume, die sehr kraftvoll wirkten, und doch glauben machten, sie ständen seit Urzeiten hier. Vielleicht taten sie es. Etwas aber war kürzlich hier durchgezogen. Zumindest so viel konnte ich sagen, als mir die tiefen Kratzspuren an einigen Baumstämmen auffielen. Sie zeugten von wenigstens vier langen Krallen. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Tier solche Spuren hinterließ, vielleicht ein riesenhafter Bär; doch genau so wenig wusste ich, ob ich Wert darauf legte, es herauszufinden An diesem Ort schien alles möglich. Aufmerksam zogen wir weiter.
Als das wenigste Licht, das in diesem dichten Wald den Boden erreichte, zu schwinden begann, machte Groggi sich daran, uns ein Plätzchen für das Nachtlager zu suchen. Er fand einen für die Gegend sehr ordentlichen Lagerplatz, an dem wir uns einigermaßen warm und trocken niederlassen konnten. Ich übernahm die erste Wache, derweil das Schnarchen des Goblins die Nacht ermordete. Ringsum raschelte und knackte es, nichts, was in einem so belebten Gebiet erstaunt hätte, und nichts das genug Lärm verursachte, das mich zu beunruhigen. In jener Nacht bemerkte ich erstmals einen jener perfekten Kreise aus roten Pilzen, die um einen Baum standen, wie wir ihrer noch einige in diesem Wald sehen sollten. Soweit ich mich entsinne, heißt man so etwas einen Feenkreis, ein hübsches Kuriosum und wenngleich verwirrend doch ein freundlicher Anblick dieses rauen Landes. Später erlöste ich den Wald von dem infamen Getöse des Goblins – wie hatte ich das bloß so viele Reisetage über ausgehalten oder schnarchte der Goblin im Inneren des Überwals tatsächlich lauter als zuvor? – und begab mich zur Ruhe. Übergangslos fand ich mich im Angesicht einer zerklüfteten Felswand wieder. Regen lief mir durch das Gesicht, das Haar klebte mir in der Stirn. Dichte Wolken hielten alles in einem grauen Zwielicht. Darin aber, scheinbar unmittelbar vor mir, stand eine prachtvoll in goldenem Glanz ihres seidigen Fells schimmernde Löwin unterhalb einer Klippe inmitten des Sturms. Dann traf mich etwas unangenehm im Gesicht. Der Regen wurde härter, ging fast in feine Hagelkörner über. Eine Bewegung oberhalb der Klippen zog meine Aufmerksamkeit zu sich. Ein tiefschwarzer Schatten war dort erschienen, der sich als Panther entpuppte, der dort oben mit der ruchlosen Majestät der Raubkatze nach vorne trat. Der Wind nahm zu und er trug das röhrende Brüllen eines Bären mit sich. Der Panther stand an der Spitze und fauchte dröhnend, woraufhin die Finsternis über mir zusammenschlug.
Eine stinkige Goblinhand fischte mich aus der Dunkelheit heraus und setzte mich am frühnebligen Morgen des 14.FIRun 33 Hal auf den Boden des Überwals.
Ich stand auf und half dem Goblin, das Lager abzubauen und unsere Spuren zu beseitigen. Unser eher karges Mahl nahmen wir bereits unterwegs ein. Die Wanderung führte uns nun tiefer in diesen eigenwilligen Wald, mehr Pilzkreise begleiteten unseren Weg, ein Weg, der sich anfühlte wie ein Traum oder als ob man im Wasser trieb. Der Körper ist da, aber es bedarf keines Willens, ihn weiterzubewegen, wenn man einfach alles fließen lässt. Flüchtig erinnerte ich mich daran, wie es war, im Meer zu versinken.
