[29.5] Die Wildnis des Überwals

Tagebuch des Oberin Sturmbund
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[29.5] Die Wildnis des Überwals
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Gespielt am: 13. Februar 2021

Im Winter eine Reise in den Walsach anzutreten zeugt von Mut…oder Verzweiflung. Oberins Suche nach einem Lehrmeister mag Elemente von beidem bergen. Doch nun ist er zu weit gekommen, um umzukehren. Hier, irgendwo in den äußersten Ausläufern tiefster Wildnis muss die versprochene Person weilen.

Irgendwann hob sich der Boden zu unseren Füßen an. Wir stiegen einen Hang hinauf. Plötzlich drang ein Geräusch an unsere Ohren, aber noch bevor wir irgendetwas tun konnten, brach etwas vor uns aus dem Unterholz, das sich gleich darauf als fünf Bewaffnete entpuppte, die einen silbernen Widder auf rotem Grund auf ihren Wappenröcken trugen. Der Trupp des Widder Ordens unter Woltan von Brucks Kommando war auf dem Weg nach Neersand. Wir wurden misstrauisch beäugt. Abgesehen von der pelzigen Kreatur in meinem Gefolge bedurfte es üblicherweise wohl einer offiziellen Erlaubnis, um den Überwals zu betreten. Bisher war mir dies nicht zu Ohren gekommen, wenngleich es im Nachhinein betrachtet durchaus insofern nachvollziehbar erscheint, da man bemüht ist, das Räubergesindel in jenen Breiten unter Kontrolle zu bringen. Meine Stellung als Geweihter ließ von Brucks auch von weiteren Schritten absehen, obwohl er seiner Verwunderung, einen Mann meiner Stellung hier als einfachen Reisenden anzutreffen sehr wohl Ausdruck verlieh.

Er verriet mir, dass wir anderthalb Tagesmärsche weiter Richtung Südosten auf eine Ordensfestung stoßen würden, derweil der Weg Richtung Nordosten uns tief ins Gebirge führen würde. Außerdem wusste er von einem unbekannten Wesen zu berichten, welches neuerdings in diesem Land sein Unwesen trieb. Gesehen hatte es noch niemand, außer einem unglücklichen Soldaten aus seinem Trupp, der mit krallenzerfetztem Leib tot aufgefunden worden war. Ein Stück oberhalb hatten sie ihn bei einem Schrein IFIrns begraben. Ich argwöhnte, es könnte dieselbe Bestie sein, auf deren Spuren ich bereits am Vortag gestoßen war. Von Brucks bezeugte eine größere Neugier als ich, in Erfahrung zu bringen, um was für eine Kreatur es sich handelte. Wie er bemerkte, gehörte derlei schließlich zu den Aufgaben des Widderordens, während ich eher annehmen musste, durch eine derartige Begegnung von meinen Aufgaben abgehalten zu werden.

Furcht war es nicht, die mich abhielt, der Sache auf den Grund gehen zu wollen. Aber dies war nicht die Zeit für wilde Abenteuer am Wegesrand; wir befinden uns im Krieg und sind angehalten, unser ganzes Streben wider den verworfenen Feind zu richten, statt bloße Bestätigungen unserer Fähigkeiten zu suchen. Dass unsere Kräfte so aufgespalten sind, hat dem verfemten Feind erst so mächtig werden lassen und spielt ihm nun zusehends in die Karten. Nicht die Aussicht, zu sterben, verdrießt mich, obwohl es das nächste Mal wohl mein letzter Tod sein wird. Es ist die Aussicht, einen nutzlosen Tod zu leiden, der dem verhassten Feind nicht einmal zeigt, dass wir es nicht sind, die sich fürchten, auf dass die Götterlosen selbst in Schrecken versetzt werden sollen. Jagd auf tödliche Kreaturen in den Bergen zu machen, ohne damit beauftragt worden zu sein, bedeutet in diesen Zeiten selbst für einen Geweihten unserer Göttin lediglich pflichtvergessenes Vergnügen. Mir stand also nicht der Sinn nach einer Begegnung mit dem Untier, die uns lediglich aufgehalten hätte. So dachte ich bei mir. Gegenüber von Brucks sagte ich nichts davon. Überhaupt, was zu sagen gewesen war, hatten wir ausgetauscht. So schieden wir voneinander, jeder jenen Weg fortsetzend, dem unsere Pflichten uns zu folgen hießen.

Gleichwohl vermochte ich den Pfad, den der Mann erwähnt hatte, nirgends auszumachen. Groggi jedoch vermittelte den Eindruck, seinen Weg genau zu kennen.

Wie wir weiter empor stiegen, gelangten wir zu einem Felsvorsprung, der eine großartige Aussicht geboten haben sollte, wäre nicht alles weit und breit von sämigem Nebel umflossen worden.

Bald darauf türmten die Felsen sich hoch vor uns auf.

Dann gelangten wir zu einem unübersehbaren weißen Findling, der von Werkzeugen geglättet worden war, ehe man auf der uns zugewandten, also hinab weisenden Seite einen Schwan eingeritzt hatte. Der Stein lag auf einer Stufe auf, die mit hölzernen Dingen bestückt war.

Dies war der Schrein, den von Brucks mir angekündigt hatte. Nicht weit davon entdeckte ich einen aufgetürmten Steinhaufen, den ein gebrochenes Rad bekrönte. Die Steine waren noch von keiner Witterung gezeichnet, zweifellos sah ich vor mir das Grab jenes Kriegers des Widderordens, den die unbekannte Bestie zwischen ihren Klauen zermalmt hatte. Ich betete kniend am Schrein, bevor ich den Grabsegen sprach, auf dass die Unholde, welche jenes Land durchstreifen, den gefallenen Kempen nicht auch noch um seine Totenruhe bringen mochten. Seine Pflicht war erfüllt, die Zeit sorglosen Ruhens angebrochen, unbehelligt von den Übeln dieser Welt. Aber erkläre dies einmal jemand diesem unverständigen Goblin. Wie schon zu Beginn unserer Reise löcherte er mich mit absurden Fragen zu unserem Zwölf Götter Glauben; jetzt im Hinblick auf das ihm unbegreifliche Ritual, bei dem er mich beobachtet hatte. Jede Erklärung wäre müßig gewesen, der Halbork war unfähig, irgendetwas davon zu verstehen. Während wir unseren Weg fortsetzten, gab er es bald auf; das war mir nur recht. Sein quäkendes Geschnatter verunzierte das Traumland, durch welches uns der Weg unentwegt weiterführte.

Gegen Abend langten wir an einer Lichtung an, die in mehrerer Hinsicht auffällig war. Zunächst einmal weil auf ihre eine hölzerne Pyramide aufgerichtet worden war, die ihrerseits in einem ebenfalls aus Baumstämmen gelegten Dreieck auf dem Boden stand, welcher wiederum von einem Ring aus Steinen umschlossen wurde. Das wäre für sich bereits bemerkenswert gewesen. Auffälliger noch aber war das Meer von Blut, in welches sich der Schnee im Inneren des Kreises verwandelt hatte, in dem zwei vollkommen zerfetzte Körper trieben. Was bei den Göttern war hier geschehen?

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