[33.9] Aufbruch ohne Wiederkehr

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[33.9] Aufbruch ohne Wiederkehr
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Gespielt am: 12. Juni 2021

Die Helden machen das beste aus ihrem kargen Fest und die Mannschaft scheint zufrieden, da selbst die kärglichen Eintöpfe und Spießbraten reichlicher sind, als irgendwo sonst in Festum, einmal abgesehen von den fülligen Tafeln der Magnaten. Oberin nimmt das Fest als Anlass sich unter den neuen Gesichtern umzutun.

Zurück in der Festhalle des unteren Zentralraums des Kontors wuchs neben mir Yasindanid aus dem Boden, umrahmt von zwei weiteren Maraskanerinnen, die in ihre Heimat mitnehmen würde. Es handelte sich nicht um eine Frage, im Grunde nicht einmal um eine Bekanntgabe. Ich glaube, ich erfuhr es bloß, weil Yasindanid ihre Freundinnen zu belustigen suchte, indem sie ihnen ihren Oberinji vorführte. Derweil ich pflichtschuldigst den Kapitän suchen ging, erwog ich, ob ich aus Yasindanids Perspektive womöglich so eine Art Haustier sei. Ich freute mich jedenfalls nicht, dem Kapitän weitere ungebetene Mitreisende anzukündigen, Finjan indes freute sich nicht, es zu hören. Er murmelte irgendetwas davon, dass er nicht der Kapitän eines Passagierschiffes sei, aber da flog auch schon die Tür des Kontors auf und alle Geräusche verstummten mit einem Schlag. Die Musik setzte aus (alle Lieder verstummten) und jedes Gespräch erstarb. In der Tür stand ein überaus streng erscheinender Mann hohen Alters in einem schneeweißen Gewand. Ich entsann mich der Bemerkung der Wahrerin der Ordnung, sie habe da den rechten Mann für dieses Unterfangen zur Hand. Bei seinem Anblick war mir sogleich ersichtlich, was sie damit gemeint hatte. Als er nun hereintrat, um sich vorzustellen, war sein Ton gegenüber Finjan noch strenger als seine Erscheinung. Ganz zweifellos war dieser hier einer jener verkniffen strebsamer Glaubensbrüder, die den Glauben bevorzugt sezierten, statt ihn aufleben zu lassen. Wollte ich mich Finjans Sprachduktus befleißigen, ließe sich wohl sagen, dieser Kerl war ganz klar ein Miesepeter. Seinen Namen, Fyrchtepraios, jedenfalls trug er ganz und gar zurecht, daran hegte ich keinerlei Zweifel. Der Kapitän ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, in einem schier ungesunden Maß, wie mir schien. Praioten dieser Art sind mit Vorsicht zu genießen. Zumal wenn man eine Dämonenarche sein Eigen nennt.

Der Schrecken über den unerwarteten und nebenbei bemerkt nett inszenierten aber dick aufgetragenen Auftritt des PRAios Geweihten legte sich nach und nach. Aus Gemurmel wurden wieder aufglimmende Neste des Gespräches, die Musik setzte etwas gequält wieder ein und als klar, dass niemand darauf achtete, wurde auch wieder ein Lied angestimmt. Fyrchtepraios schien nicht vorzuhaben, in irgendeiner Weise an den festlichen Aktivitäten teilzunehmen, ganz davon zu schweigen, sich zu vergnügen. Ich glaube nicht, dass er weiß, was das überhaupt bedeutet. Selbst die warmherzige Zylva von Tirandur hatte stets dazu geneigt eine gewisse Unentspanntheit an den Tag zu legen. Da war von diesem Miesepeter nichts zu erwarten. Eigentlich war ich schon froh, dass er nicht gleich mit seinem Erscheinen erklärt hatte, irgendjemandem den Prozess machen zu wollen, bloß um seinen Standpunkt darzustellen. Daher riet ich Finjan, ihn beiseitenehmend, zu etwas mehr Vorsicht im Umgang mit dem Praioten. Der Abgesandte der Wahrerin der Ordnung konnte und sehr gefährlich werden, machten wir ihn und zum Feind. Und sich derartige alte in weiß gekleidete Männer zum Feind zu machen, ist ein Leichtes. Dessen ungeachtet hatte um uns herum das Fest noch einmal Fahrt aufgenommen, doch es war an der Zeit, aufzubrechen. Genieße eine kurze Pause mehr als eine lange.

Der Kapitän verkündete das Ende der Festivitäten und gab den Befehl an Bord der Schiffe zu gehen. Wir selbst begaben und vor das Kontor und beobachteten, wie die Schiffe im Dunkeln der Nacht einigermaßen leise unsere Truppen in sich aufnahmen. Mit einem Mal fragte mich Finjan, ob ich das gleich sehe wie er. Nein, das tat ich gewiss nicht. Es konnte nicht sein, dass ich gerade Finjans wiederkehrender Vision eines Kriegers in weißem Ornat und mit einem geflügelten Helm auf dem Kopf teilhaftig wurde, der vom Deck des Schiffes stieg, um sich auf dem Kai dem Horizont zuzuwenden, an dem unruhig Blitze zuckten. Der Kapitän und ich gingen schweigend als letzte an Bord. Die Schiffe legten ab und glitten in die Nacht hinaus. Der Sturm verharrte einstweilen noch fern am Horizont.

 

22.Firun 33 Hal Große Mosse

Der Mitternachtsstunde ist lange vorüber, obschon der neue Tag noch nicht da ist. Es hat lange gedauert, die Dämonenarche hier in den sumpfigen Ausläufern der Widderhörner wiederzufinden. Sie passt sich gut in diese Umgebung ein, bei Nacht würde man sie kaum bemerkten, eher man direkt vor ihr steht, wüsste man nicht, wonach man sucht. Gleichwohl, angesichts des monströsen Ungetüms, das wir kennen, wirkt sie nun leblos, vertrocknet, wie eine tote Spinne. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Eigentlich sollte es uns eine tröstliche Erkenntnis sein, dass dieses Biest eingehen und verhungern kann; so mächtig die Kreatur ist, sie ist nicht übermächtig. Und doch, sie nun, da wir uns aufschwingen, über sie zu gebieten, wie einen gefallenen Riesen zu sehen, vermag mein Herz weder mit Genugtuung noch Sicherheit zu erfüllen. In ihr wuchert noch immer unablässig eine betörende Bosheit abartiger Geistesschärfe. Selbst sterbend lässt diese götterlose Kreatur ein schauderhaftes Grauen in den Rechtschaffenen wühlen; ihr Anblick lässt einen pelzigen Belag sich auf die Zunge legen und einen ekelerregenden Geschmack im Mund zurück. Ihr Sterben ist so widernatürlich wie ihre Existenz; erst wenn sie von Dere vollständig getilgt wurde, kann Platz für ein Gefühl der Beruhigung sein. Noch in diesem Zustand ist es eine Ehrfurcht gebietendes Monstrum – und wir können uns nicht erlauben, dass dieses Monstrum stirbt. Gleich jedem Frevler wird es zuvor Buße tun müssen. Zuerst soll das Feuer es läutern, das Feuer, das es speien wird. Und wenn seine Sühne vollstreckt ist, das Feuer, welches es der Vernichtung anheimgibt. Heute Nacht aber soll zuerst seine Sühne beginnen, in dem wir diese Festung zur See bemannen und uns zur Heimstatt des Krieges erküren. So sprang ich entschlossen von Bord, sammelte die von den Schiffen strömenden Söldner um mich, um sie furchtlos in den Bauch der Bestie zu führen. Gemäß meinen Anweisungen hielten die Söldnerführer mit ihren Truppen durch die Maulgrotte Einzug, um an deren Ende die Treppen beiderseits der Archenwandung hinaufzusteigen. Den Aufmarsch der Soldaten beobachtend, bemerkte ich einen stechenden Blick im Nacken. Ich drehte mich um, ließ meinen eigenen Blick die Außenwand des Dämons erklimmen, bis er auf der Kapuze einer verhüllten Gestalt zu liegen kam, ganz oben auf dem Deck. Ich musste sein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, dass mein Bruder zu mir herabsah. Ein stechender Blick war es, der sich aus der Kapuze heraus in mich zu bohren schien. Ein neuerlicher Schauder ergriff mich. So lange hatte ich gewartet, Silberhardt wiederzusehen. In diesem Moment aber hielt ich seinem Blick nicht stand. Es war nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Fröstelnd trat ich zu den vor der Maulgrotte aufgereihten Söldnern. An der Spitze von 150 Streitern der Götter begann ich den Aufstieg. Hinter mir marschierte Reihe um Reihe durch das Maul des Dämons in seinen aufgerissenen Schlund, nahtlos gefolgt von Finjan mit dem Rest der neuen Besatzung der Bestie.

Der Kapitän berief sogleich eine vorläufige Offiziersbesprechung ein, um ein paar Worte an die Neulinge an Bord zu richten. In der Zwischenzeit war ich vollauf damit beschäftigt, allen Truppenteilen Unterkünfte zuzuweisen und dafür zu sorgen, dass die Gänge nicht von vergessenen Gruppen von Soldaten blockiert wurden.

Inzwischen ist die schlimmste Unordnung beseitigt, fast alles hat einen vorläufigen Platz gefunden und so ziemlich jeder einen Ort, um sich aufzuhalten. Mit der sich langsam von einer aufgeregten zu einer sich verstetigenden Unruhe an Bord wandelnden Geschäftigkeit habe ich mich zurückgezogen, um die letzten Vorbereitungen für die erste Messe an Bord zu treffen. Es ist nun alles bereit für die erste Glaubensprüfung der Menschen an Bord.

Es wäre nicht nötig gewesen, einen PRAios Geweihten an Bord zu entsenden, um allen in der Besatzung ganz und gar offenzulegen, worauf sie sich hier eingelassen haben. Ich selbst werde es sein, der es ihnen vor Augen führt, denn allein die Standhaften, die sehenden Auges den Bauch der Bestie betreten, können hoffen, ihm eines Tages wieder zu entsteigen, wenn nicht am Leib unbeschadet, so doch an der Seele unbesudelt, denn sie werden zu Streitenden der Götter erhoben und Seite an Seite stehen auf Alverans Zinnen.

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