[29.7] Die Maraskanerin im Schnee

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[29.7] Die Maraskanerin im Schnee
Loading
/

Gespielt am: 13. Februar 2021

Nach tagelangen Strapazen im Schnee erreicht Oberin endlich sein Ziel: der prophezeite Speermeister…oder vielmehr die Speermeisterin. Und obendrein eine Maraskanerin? Kann die Firun-geweihte Goblina in Festum diese Frau mit dem feuerroten Haar gemeint haben, als sie Oberin auf die Suche schickte? Und was macht eine Maraskanerin überhaupt im eingeschneiten Überwals?

So mäanderte unser Gespräch fort, bis sich außerhalb der Hütte ein Lärm erhob, das wütende Geschrei von Tieren. Mit dem Ausruf „Nicht schon wieder!“, eilte Yasindanid hinaus, unterwegs ihren Speer greifend. Ahnungslos, was wohl vor sich ging, beeilte ich mich, es meiner Gastgeberin gleich zu tun. Draußen aber blieb für mich nichts, als staunend zu stehen und zu sehen, wie am Himmel zwei Vögel miteinander kämpften. Zu sehen, wie Yasindanid, deren geschmeidige Bewegungen mir bereits auf dem Weg zu ihrer Hütte aufgefallen waren, sich in einem unglaublichen Bewegungsablauf über einen Baumstamm in die Höhe katapultierte und den größeren der beiden Vögel mit ihrem Speer aufspießte und ihn in der Abwärtsbewegung auf den Boden nagelte. Der kleinere Vogel, ein weißer Falke mit schwarzen Punkten, landete auf einer Stange an der Hütte. Yasindanid schleifte ihre Beute zum Haus, nahm dann dem Vogel einen Brief vom Bein, las ihn rasch und ging dann hinein, um eine Antwort zu verfassen. Sie teilte mir mit, dass ihre Freundin, besagte FIRun Geweihte drauf und dran war, die Gegend zu verlassen. Zu Yasindanids Missfallen wollte sie nach Tobrien. Derweil betrachtete ich den Vogel; seltsamer noch, der Vogel betrachtete mich, neigte seinen Kopf. Langsam und vorsichtig näherte ich mich ihm, streckte sacht die Hand nach ihm aus. Etwas an dem Tier rief ein unerwartetes Gefühl der Vertrautheit hervor. Ihm schien es nicht anders zu gehen. Sanft drückte er meinen ausgestreckten Finger mit dem Schnabel. Wir begrüßten uns.

Yasindanid kam zurück, um dem Falken eine Antwort mitzugeben. In mir arbeitete es noch, gerade ging alles zu schnell, die Ereignisse konnten so eigentlich nicht zusammenfallen, doch ehe die Gelegenheit ungenutzt vorbeizog, griff ich zu. Ich bat Yasindanid, einzuhalten, denn ich hatte ihr ein Angebot zu unterbreiten. Ob ich es recht verstanden hatte oder nicht, die Maraskanerin war die Lehrmeisterin, nach der ich auf der Suche war und ich konnte ihr einen Weg bieten, wieder nach Maraskan zurück zu gelangen. Allein um ihr dies zu ermöglichen hätte ich sie mitgenommen. Doch ihr Unterricht würde für mich eine Bereicherung sein.

Meine Erwähnung der Arche weckte selbstverständlich ihr Misstrauen, weswegen ich eigentlich nicht so mit der Tür hatte ins Haus fallen wollte, doch sie schenkte mir Glauben. Die Reise auf einer Dämonenarche schreckte sie nicht, sofern ich sie nur wieder nach Maraskan bringen würde. Dies sagte ich zu, woraufhin sie meinem Vorschlag zustimmte, gleichfalls aufzubrechen, und ihre Freundin womöglich auf dem Weg durch Tobrien zu treffen. Noch einmal ging sie nach drinnen, um eine neue Antwort für den Vogel zu verfassen. Als sie ihn beim zweiten Mal tatsächlich von ihrem Arm in den Himmel warf, rief sie ihm nach: „Flieg, Wettertreu!“

Mich traf es wie ein Blitz. Was ich zuvor nicht gesehen hatte, was ich womöglich nicht hatte sehen wollen, war schlagartig enthüllt worden. Ich kannte diesen Vogel und ich kannte seine Herrin. Es war nicht irgendeine Nellgard FIRunstochter. Es war meine Nellgard, die Nellgard meines Onkels, meine ich. Sie musste es sein, sie, die als Teil seiner Gefolgschaft mit ihm gereist war. Nach so langer Suche schien endlich eine Spur zu meinem Onkel aufgetaucht zu sein, eine Möglichkeit, herauszufinden, was in oder nach der Schlacht an der Trollpforte bloß geschehen war! Ehrfurcht erfüllte mich ob der Macht der Götter. Wie war es möglich, dass all mein Streben in dieser verzauberten Wildnis zusammenlief und mein Sehnen beantwortet wurde? Ein lange entbehrtes Gefühl von Hoffnung erfüllte mich. Kaum merkte ich, wie meine Gastgeberin mich aus dem Schnee auf die Füße zog, um mich ins Haus zu bugsieren. Ich dachte über die Schicksalshaftigkeit all dessen nach, was sich seit dem Rat von Festum zugetragen hatte. Einer Goblinfrau nachzulaufen, von einem Sohn FIRuns einen Fingerzeig zu erhalten, ihm blind zu folgen, geführt von einem weiteren Goblin, in der geisterhaften Einöde einer maraskanischen Meisterin zu begegnen, die mich auf die Spur jener FIRun Geweihten stieß, die ich am dringendsten auf der Welt zu sehen begehrte. Mein Traum fiel mir wieder ein, der aus der vorausgegangenen Nacht. RONdra, FIRun, ja und auch KOR – mir wurde kalt, als ich an die Zerschlagung der Straßenräuber dachte – hatten mich hierher geführt, wenigstens sie unter den Zwölfen. Über diese Gedanken fiel ich in tiefen traumlosen Schlaf, in dem nur ein warmes goldenes Licht war. So behütet wie in RONdras Schoß hatte ich mich seit unverdenklicher Zeit nicht gefühlt.

Übergangslos zerrte mich Yasindanid daraus hervor. Ich verstand kaum ein Wort von dem, was sie redete. Bloß so viel, dass der MantiKOR draußen vor der Tür stand und sie mehr Zeit zum Packen für die Reise brauchte. Das genügte zumindest, mich schlagartig wach werden zu lassen. Ich kam auf die Füße, warf mir meinen Helm auf den Kopf – die übrige Rüstung hatte ich offenbar gar nicht abgelegt -, griff meinen Speer und glitt zur Tür. Ich öffnete sie einen Spalt breit. Der MantiKOR, der in einigen Schritt Entfernung direkt davor saß, war nicht zu übersehen, selbst in der Dunkelheit zeichnete sich seine massige Gestalt finster vor der Nacht ab. Geschwind schlüpfte ich hinaus, die Tür hinter mir zuziehend. Er sah mich, wie ich ihn sah, da gab es keinen Zweifel, aber er attackierte mich nicht unmittelbar. Langsam bewegte ich mich fort von der Hütte in Richtung Felswand. Obwohl mir das den Rückzug verwehren würde, zog ich es vor, seine unmittelbare Aufmerksamkeit fort von der Tür zu ziehen, durch die irgendwann Yasindanid herauskommen musste. Sollte er sich lieber mit mir beschäftigen. Offenkundig tat er das. Das Mondlicht zeichnete sein Gesicht, wahrlich, menschlich in den Zügen und doch wirkte es fremdartig in seinem Ausdruck, oder war es bloß der Schattenriss des Mondes, der es entstellte? Doch er betrachtete mich, ließ mich nicht aus den Augen. Das Geschöpf gab mir mehr als ein Rätsel auf. Besaß es Verstand? Ich rief es an, verlangte sein Begehr zu erfahren. Es schien, als sage es irgendwas, aber die Geräusche, die es von sich gab, blieben mir unverständlich. Es hatte meine Bewegungen nachvollzogen, agierte nicht wie eine blindwütige Bestie, verhielt sich schlau und gezielt, gleich einem klugen Jäger, doch was mochte in der unverständlichen Kreatur vorgehen? Es hatte nicht unmittelbar angegriffen. Hatte es mich als Beute ausgemacht oder war seine Entscheidung über mein Schicksal noch in der Schwebe? Wir standen uns in einigen Schritten Abstand gegenüber, ein Mensch, aufrecht, den Speer entschlossen vorgestreckt, jeden Anprall abzufangen, die Kreatur massig, kauernd wie eine Spinne vor dem Sprung mit bedrohlich vor und zurück pendelndem Skorpionschwanz, triefend vor Gift. Die Entscheidung war gefallen. Verwundert stellte ich fest, nun doch vor der Kreatur zu stehen die von Bruck zu gerne aufgestöbert hätte und die ich zu gern hatte meiden wollen, weil ich glaubte, sie sei nicht Teil meiner Aufgabe. Im Auge des MantiKORs erkannte ich meinen Irrtum. Die Kreatur entpuppte sich als Teil jener schicksalhaften Verkettung, in die ich mich begeben hatte. Das alte Geschöpf wusste das, und ließ es mich wissen. Dem ich ausweichen wollte, war mein Schicksal. Der MantiKOR war meinetwegen hier. Er schien in meinem Kopf zu sein, aber ich verstand nicht mehr. Nur, dass der Moment gekommen war. Er sprang auf mich los.

Schreibe einen Kommentar