[29.8] Prüfstein des Gnadenlosen

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[29.8] Der Prüfstein des Gnadenlosen
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Gespielt am: 13. Februar 2021

Ausgerechnet eine Maraskanerin wartete am Ende von Oberins Weg auf dem Geweihten. Diese gehört hier jedoch genauso wenig hin, wie er selbst, denn der Überwals ist ein Land voller todbringender Gefahren. Nicht die Letzte davon ist eine Bestie, von der bereits Legenden berichteten.

Obwohl ich es hatte kommen sehen, war er zu schnell, als dass ich meinerseits einen gezielten Speerstoß hätte anbringen können. Ich versuchte, seinem Anprall auszuweichen, entkam aber nicht gänzlich seinem mächtigen Prankenhieb, der mein linkes Bein streifte. Ich mühte mich, in eine bessere Angriffsposition zu kommen, doch gleichzeitig seinem schnappenden Maul, das auf meine Beine zielte, den beiden Vorderpranken, die wild nach mir hieben und seinem zuckenden Skorpionschwanz auszuweichen, hielt mich ganz schön in Atem. Außerdem war seine Stimme in meinem Kopf, doch ich verstand bloß Bruchstücke seiner Rede. Alles, was ich wusste, war, dass er seine Angriffe zählte. Er hatte bei seinem Sprung mit „Eins“ eröffnet und bei jeder Attacke, die er gegen mich startete, zählte er weiter, doch die Wortfetzen dazwischen waren nicht zu verstehen. Ich fragte mich, ob es ein Spiel war, bei dem er mich innerhalb einer gewissen Anzahl von Streichen besiegen wollte. Womöglich führte das Wesen Buch, wie lange seine Gegner ihm standhielten. Er zählte eins weiter, was meine Überlegung unterbrach, denn ich musste mich unter einem weiteren fürchterlichen Hieb wegducken und ihn gleichzeitig mit dem Speer von mir fort lenken. Zumindest kündigte sein Zählen jede seiner Attacken an – und dennoch misslang es mir, mich gänzlich vor seinen ellenlangen Klauen in Sicherheit zu bringen, sie streiften meinen linken Arm, Rüstung und Hemd klafften auf und warmes Blut sickerte meinen Arm hinab. Zum Glück war auch dies nur ein Streifschlag gewesen. Ein richtiger Treffer hätte mir leicht den Arm durchtrennen können. Wiederum wollte ich mir etwas Raum verschaffen, doch Pranken, peitschende Flügel und die lange Reichweite seines Schwanzes schlossen mich regelrecht ein.

Vor mir sah ich die zerissenen, ausgeweideten Körper der Hexen, ich dachte an den Soldaten, dem er die Brust zerschlagen hatte, an die Wunden, die er den Bäumen zugefügt hatte. „Fünf“, sprach es, und irgendwas von „besiegen“. Das wollte er mich sicher nur zu gern. Wieder warnte mich sein Gebrabbel, ich parierte seine Pranken, tänzelte von dem vorstoßenden Kopf fort – und hatte mein Bein an die falsche Stelle gezogen. Aus dem Himmel stieß der giftige Skorpionstachel herab und bohrte sich in die Beinschiene meiner Rüstung. Erneut hatte ich Glück, der Aufprallwinkel war schlecht. Der Stoß brachte mich ins Wanken, aber ich stand. Der Stachel kratzte eine tiefe Kerbe ins Metall, in die er sein Gift vergeblich spritzte und glitt dann ab. Fast machte er selbst einen verdutzten Eindruck ob dieser misslungenen Attacke. Zumindest verschaffte mir das den Moment, meinerseits festen Stand einzunehmen. Dann hörte ich ihn wieder, mit seiner rauen Stimme in meinem Kopf und dieses Mal fing ich an, seine Worte zu verstehen: „… nicht sterben sehen kannst.“

Zum Satzende deckte er mich erneut mit Schlägen, Hieben und Bissen ein, doch so gefährlich sein wütender Angriff war, ich begriff im Takt seiner Worte nun ihren Rhythmus. Mit einem Mal ahnte ich Al´Zulsabith an meiner Seite, spürte wieder den rhythmischen Gleichklang, zu dem unserer Leiber im Kampf gefunden hatten. Dem massigen Leib des MantiKOR wohnte in keinem vergleichbaren Maße Athletik und Eleganz der Tochter des Blutes inne, doch seine wuchtigen Schläge kannten ebenfalls den Tanz der Klingen – das Mantra, das er betete, entpuppte sich als der Schlüssel dazu. Indem ich mich Al´Zulsabiths Lektion ergab, sprang ich über den folgenden tief gezielten Prankenhieb hinweg, drehte mich aus der Reichweite seiner zuschnappenden Kiefer und bog mich in derselben Bewegung aus der Stoßrichtung seines Stachels heraus. Und da ich mich Al´Zulsabiths Führung anvertraute und den Kampf mit dem MantiKOR als vereinte Begegnung im gemeinsamen Ringen annahm, statt es als äußere Bedrohung abwehren zu wollen, wurde seine Stimme ganz klar: „Acht. Stirb anstatt Dich zu ergeben.“

In der Bewegung verstand ich. Ich fing seinen Schlag ab, vermied den Biss, duckte mich unter dem Stich weg. Er deklamierte die 9 Regeln des KOR! Er war tatsächlich ein Geschöpf des KOR. Jetzt erkannte ich es. Zum ersten Mal in unserer Begegnung hatte ich mir den nötigen Freiraum verschafft. „Neun.“

Die letzte Regel – der Schleier vor meinen Augen wurde fortgezogen. Dies war der einzige Moment, der mir noch blieb. Ich stand bereit. „Was Dich nicht tötet …“

Und ging zum Angriff über – eben gerade noch rechtzeitig, um seinen Gegenschlag zu unterlaufen. Aber was war das – hatte er gezögert? Mein Speer stieß vor.

„… macht Dich stärker.“

Und drang ihm bis zum Schaft in die Schulter. Er ließ es einfach geschehen. Dann wich er zurück, wand und schüttelte sich, bis der Speer aus der Wunde fiel, katapultierte sich mit einem Flügelschlag auf das Dach der Hütte und warf mir noch einen sehr eigenartigen Blick zu. Ich rührte mich nicht, stand nur da und erwiderte den Blick dieses eigentümlichen Mischwesens, gebadet in Mondlicht, ehe er aufflog, sich zur Felskante hinaufschwang und darüber verschwand.

Ich stand und wartete, doch er blieb fort.

Langsam ging ich zu der Stelle, an der mein Speer in den Schnee gestürzt war. Als ich ihn aufhob, bemerkte ich, dass die eiserne Spitze schwarzrot glänzend von seinem Blut verfärbt worden war. Meine geschwärzte Hand krümmte sich um den Schaft.

Ich richtete mich auf, sah dem MantiKOR wieder hinterher in die Leere unter den blassen Sternen.

Yasindanid kam unversehens aus der Tür ihrer Hütte heraus auf mich zugestürmt. Kaum dass sie bei mir anlangte, warf sie mir meinen Rucksack vor die Brust. Instinktiv fing ich ihn auf, schleuderte ihn mir aus Gewohnheit über die Schulter. Ihre Eile Begriff ich nicht. Doch ich spürte, wie ihre raue Hand die meine fasste, mich unwiderstehlich mit sich zog. Meine Beine fingen an, zu laufen, eilten hinter ihr her. Immer schneller rannten wir, der Goblin irgendwo neben uns, und glitten zwischen die gezackten Mondschatten des träumenden Waldes.

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