Gespielt am: 12. Juni 2021
Während Oberin Tempel nach Tempel besucht, um die Kirchen auf ihre Seite zu ziehen, sind der Kapitän und seine neue Bordmagierin nicht untätig. Mannschafts- und Proviantlisten wollen angefertigt und Schiffe klug beladen werden.
21. Firun 1026 BF
Endlich! Wir sind aufgebrochen! Bald werde ich die dämonische Kreatur in Augenschein nehmen können, nach so viel Zeit, die vergangen ist! Bis es soweit ist, sollten zumindest die wichtigsten Beobachtungen des Tages festgehalten werden. Am Morgen saß ich noch einmal mit dem Kapitän Pettersen beisammen, um ein paar offen gebliebene Schiffsangelegenheiten zu besprechen. Bei dieser Gelegenheit erwähnte ich das Ersuchen des Erzbibliothekars Doschek, sich unserer Expedition anschließen zu dürfen. Der Kapitän vertraute auf meine Empfehlung und befand, auf einen mehr oder weniger käme es an Bord auch nicht mehr an. Nun, womöglich hat er nach seinen Erfahrungen mit den Goblins das Verhandeln über die Aufnahme von Besatzungsmitgliedern aufgegeben. Der Kapitän erkundigte sich dann, ob ich wüsste, wo der Geweihte Sturmbund steckte. Ich allerdings hatte ihn seit unserem Gespräch zwei Tage zuvor nicht mehr gesehen. Angesichts der gerunzelten Stirn des Kapitän Pettersen konnte ich nur hoffen, er war ihm nicht schon wieder abhandengekommen. Es wäre zu ärgerlich, dieses vielversprechende Studienobjekt hier zurückzulassen. Wäre es nötig, eine Entscheidung zu treffen, wäre es keine Frage, die Arche unter die Lupe zu nehmen, doch wozu sich entscheiden, wenn man alles haben konnte. Die Arche, der Geweihte, der Kapitän und womöglich noch ein paar weitere Exemplare an Bord – bedeutende Entdeckungen erwarten uns, die alles verändern könnten.
Der Kapitän ging also seinen zum Ausreißertum neigenden Bordgeweihten suchen, derweil ich die letzte Lieferung aus der Halle des Quecksilbers in Empfang nahm, und dafür sorgte, dass alles sicher an Bord verstaut wurde. Nachdem wir so viel Aufwand betreiben mussten all das Material herbeizuschaffen, ist jedweder unnötige Verlust zu vermeiden. Der Erste Offizier Kolokewski nahm wenig später den bemerkenswert ungeduldigen Swafnir Geweihten Hasswolf in Empfang. Als der Kapitän wieder auftauchte, schaute er einmal mehr nicht sonderlich begeistert. Missmutig suchte er den Kolokewski, dem Hasswolf etwas zu tun zu geben. Ob er seinen Geweihten tatsächlich wieder verloren hatte? Sei dem wie es sei, ich musste mich um die Ausrüstung kümmern und anschließend zügig zurück zur Akademie, wo einige letzte Dinge zu regeln blieben, bevor wir aufbrachen.
Des Abends hatte der Kapitän alle aus der Besatzung zu einem Festmahl eingeladen. Die Bezeichnung scheint übertrieben, angesichts der Umstände hat er sich aber nicht lumpen lassen. Eine Gelegenheit, sich gut zu amüsieren war’s alle mal. Zudem ließ sich so die Besatzung ganz ungezwungen in Augenschein nehmen. Selbst wenn wir die ganzen Söldner außer Acht lassen, blieben immer noch einige neue Gesichter. Es gibt keine unterhaltsamere Art, neue Freunde und Feinde kennenzulernen als während der Lustbarkeiten eines rauschenden Festes. Eine bemerkenswerte Kostprobe dieser Tatsache steuerte der Geweihte Sturmbund bei, der sich offensichtlich nicht neuerlich vom Acker gemacht hatte. Sehr zu meinem Vergnügen, wie ich anmerken darf. Mehr und mehr entpuppt er sich als interessanter Zeitgenosse. Das Lied über seinen Kapitän, das er beisteuerte, war zweifellos sehr eingängig – gut vorgetragen obendrein. Ein Lied wie geschrieben für diesen Tag, ziemlich sicher war es das auch. Die Leute sollten wissen, unter wem sie fuhren, und er verkaufte den Kapitän ganz ausgezeichnet. Kapitän Pettersen, dem das eindeutig zu viel der Aufmerksamkeit war, verfehlte es nicht einmal, diese dankenswerte Vorlage zu ergreifen, und die Leute mit ein paar Worten endgültig von den Bänken zu reißen.
>> Ruhm und Ehre für die Mannschaft! Tod den Feinden! <<
Nicht gerade originell doch immer wieder treffsicher. Es bedarf nicht viel, Söldner anzustacheln. Ein gefüllter Bauch, etwas Gold, die Aussicht, jemandem den Schädel zu spalten und eine starke Führungsperson waren genug. Eloquenz war nicht nötig, obwohl sie nützlich sein konnte, wie der Geweihte Sturmbund demonstriert hatte. Dabei gab seine Darbietung ein paar bemerkenswerte Einblicke in die Person des Kapitäns. Wovon es berichtete, passte zu meinen Studien, deutet allerdings ein paar Dinge an, denen noch genauer nachzugehen sein wird. Dem Geweihten ließ sich gewiss manch bedeutsamere Einsicht entlocken. Er ist zweifellos nicht dumm. Er geht durchdachter an die Unternehmung heran als sein Kapitän. Doch redet er gern. Das war nur allzu deutlich zu merken, etwa während des Tanzes, zu dem er mich gleich darauf lud. Mein bisheriger Eindruck ist nicht, dass er zu viel redet, doch mag er Worte. Er gebraucht sie gerne, sie sind ihm wichtig. Wohl wenig erstaunlich für jemand, der vom Rhodenstein kommt. Doch wer sich gern der Worte bedient, der hinterlässt Sperren, ob absichtlich oder unabsichtlich, wobei das manchmal auf das gleiche hinausläuft. Aufs Reden und Verse vortragen verstand sich der Geweihte jedenfalls. Zwei Dinge, die er dem Kapitän eindeutig voraushat. Was das Tanzen anging, war ich mir indes nicht sicher. Derweil Kapitän Pettersen von seinem Ersten Offizier geführt dahin schwebte, tanzte Sturmbund, als sei’s ein Zweikampf. Meine Güte ist der Mann verkrampft. Er sollte sich mal etwas locker machen. Aber ganz im Gegenteil, eigentlich war er wie ein unterschwellig brodelnder Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Indes schien er sich dessen nicht einmal recht bewusst zu sein. In Momenten schien er völlig woanders zu weilen. Seit ich ihn zwei Tage zuvor erstmal kennengelernt hatte, schien irgendetwas mit ihm passiert zu sein. Selbst mir, der er ein Fremder war, konnte das nicht entgehen. Oder vielleicht war es gerade darum unmittelbarer zu bemerken. Innerhalb einer Stunde hatte ich ihm bei unserer ersten Begegnung das Gesicht wechseln sehen, von einem Wanderprediger zum kirchlichen Höfling, und nun schien beides zugleich präsent zu sein, obwohl er so abwesend daherkam. Aber das, was ich an jenem Tag hinter seinen Augen bemerkt hatte, stand nun unmittelbar darin, milchig verhüllt für den Moment, doch ich glaube, was immer es ist, er ist sich dessen jetzt bewusst und bald wird es zum Vorschein kommen.
