Gespielt am: 12. Juni 2021
Die Magierin kann ihren Forschungsdrang kaum unterdrücken. Kaum setzt sie einen Fuß auf das Albtraumgefährt verwendet sie jede freie Sekunde, um wissenschaftliche Ordnung in diese groteske Umgebung zu bringen. Doch als der Bordgeweihte Oberin alle auf dem Oberdeck versammelt, muss wohl oder übel auch sie antreten.
Ich suchte mir einen Platz etwas abseits, der mir unauffällig eine etwas bessere Übersicht beschaffte. Als der Geweihte sich umwand, um die Messe zu eröffnen, da fiel mir sogleich auf, dass er sich gegenüber unserer Begegnung am Abend noch einmal verändert hatte, doch selbst ich hätte nicht vermocht, das zu jenem Zeitpunkt näher zu bestimmen. Er sprach mit kraftvoller Stimme, die von Beginn an Aufmerksamkeit einforderte. Sein Göttinnendienst war gut durchkomponiert, enthielt alle Elemente, die der Kulthandlung angemessen war, die den Gläubigen wohlbekannten Gebete und Gesänge, das Blutopfer über dem Kohlefeuer, die Heiligenlegende, von der manche bereits gehört haben mochten. Das Formale war da, hätte bei geringeren Geweihten aber wohl kaum einen über die Erfahrung der Huldigung der Göttin hinausgehenden Eindruck hinterlassen. Sturmbund aber legte eine Präsenz an den Tag oder vielmehr die Nacht, welche die Zuhörerschaft sogleich einfing. Seine Stimme war das Auffälligste, jede Geste unterlegte seine Worte mit Glaubwürdigkeit. Wahrhaft ergreifend wurde er schließlich, als er das Formale abzustreifen begann, als er von dem Konflikt sprach, den die Götterfürchtigen auf der Dämonenarche erdulden mussten. Indem er seine eigenen Anfechtungen offenlegte, gewann er die Besatzung für sich. Das hätte schief gehen können, doch man musste ihm seine Werte einfach glauben. Und so, wie er sich prüfte, so prüfte er jeden Einzelnen von uns, zwang jeder von uns, die Entscheidung auf, diese Reise sehenden Auges anzutreten. So riskant es war, alle vor diese Wahl zu stellen, so beeindruckend war es. Und dann ließ er den Opferbock herbeiführen. Etwas Derartigem hatte ich nie zuvor beigewohnt, vermutlich so manche in der Besatzung nicht. Das zugrundeliegende Konzept war simpel. Die stellvertretende Niederlage und Opferung des Tieres ein angemessenes Symbol, aber nichts weiter als ein Symbol archaischer Zeiten, wie einige wohl sagen würden. Das Verblüffende jedoch war, dass wir es glaubten. Seine strengen, unnachgiebigen Worte hatten uns so sehr gepackt, dass sein Glaube sich auf uns übertrug und wir sahen, was die Göttin ihm gezeigt hatte.
Es war erst später, dass ich mich fragte, ob der Meskinnes ihm nicht mehr zu Kopf gestiegen war, als ich geglaubt hatte. Sofort schämte ich mich für diesen Gedanken. Ich entsinne mich des steinernen Gesichtsausdrucks, mit dem der Kapitän Petterson ebenfalls etwas abseitsstehend das Geschehen verfolgte. In Festum hatte der Kapitän ein Truppenkontingent ausgehoben. Sein Geweihter machte sich vor seinen Augen daran, ihm daraus ein Heer zu erwecken. Die Mehrzahl war wohl für Geld gekommen, manche wegen Rache oder aus Pflichtgefühl, blanke Abenteuerlust womöglich. Er aber gab ihnen eine Aufgabe, einen Zweck, eine Bedeutung, eine Identität. Nicht alle, die da versammelt waren, brauchten das. Doch selbst sie erinnerte er daran, dass es das gab, entfachte die Sehnsucht danach. Er gab ihnen Glauben, wahren Glauben und Hoffnung, Hoffnung auf einen Sieg, dass niemand verlassen, auszuharren brauchte, bis man zugrunde ging. Sie alle wollten ihm in diesem Moment an der Seite des Kapitäns in den Rachen der Bestie folgen. Einer wie er, einer wie Sturmbund, ist an diesen Gestaden wahrlich lange nicht gesehen worden. Während er dort zu uns sprach, erkannte ich, wie er er selbst wurde. Das Feuer hinter seinen Augen trat nach und nach hervor, glitt über ihn und er wusste es jetzt. Der Höfling, der Krieger, der Kleriker, alle seine Gesichter, von denen ich bisher kaum eines gesehen hatte, flossen ineinander.
Ein Vagant der Wildnis war zu uns gekommen. Seine Schwertpredigt ließ keinen unberührt. Des Geweihten Rondratreus Züge hellten sich zusehends auf. Selbst in den Augen des verbiesterten Fyrchtepraios spiegelte sich das Feuer, mit dem Sturmbund alle Dämonen zu verbrennen suchte. Feuerschwert und Verkünderin der Herrin RONdra, die Göttin hätte in ihrer Weisheit gewiss keine bessere Wahl treffen können. Nicht einer wandte sich ab, als er die Schalen des Segenswassers umhergehen ließ. Nicht einer wollte das Schiff verlassen, seiner scharfen Mahnung zum Trotz. Meine Frage ist wohl beantwortet. Sollte sein Schwert noch schärfer sein als seine Zunge, so sollten seine Feinde fürwahr in Schrecken leben.
Wie er dort stand, mit bloßen Händen, mit dem Bock ringend, schien es, als ginge in der Tat gerade ein machtvolles Ringen vor sich. Die Zeit schien langsamer zu werden, beinahe anzuhalten, ehe gewiss wurde, wer den Kampf gewinnen würde. Und als der Bock ausgezehrt in die Knie brach, aller Kräfte beraubt, da brachen die ersten Strahlen der Morgendämmerung durch die Sturmwolken, die den Himmel verdunkelten. Sie wichen nicht, doch das Licht riss Lücken hinein, wie der Geweihte die Kehle des Bocks aufschnitt. Und so wie sein Blut in Sturzbächen hervorquoll, über das Deck flutete, bis es an die Stiefel der vordersten Reihe brandete, so stürzte das Licht aus den Wolken und verfärbte sich. Als es Sturmbund berührte, war es rot, hüllte ihn in Glühen ein, während er den Bock emporstemmte und das Opfertier über seinen Kopf hinweg ins Meer hinabstürzte. Da er sich zu uns umwandte, glühte er bereits selbst von innen heraus und mit den letzten Worten, die er uns entgegengeschleuderte, sahen wir regelrecht, wie die Göttin ihn entrückte und so unerschütterlich war sein Glaube in jener Stunde, so allumfassend, dass er uns alle mit sich fortriss, fort vom Deck der Arche. Die Röte ging von ihm auf uns über, alles verschwamm. Da war das Rot, und wir versanken darin, mitten unter uns trieb Sturmbund, gemeinsam vereint in dem einen glühenden Wunsch, jeden einzelnen Tropfen unheiligen Blutes aus der Blutigen See zu tilgen, bis es keines mehr davon gab. Heran brandete seine Stimme:
>>Götterfreund und aller Dämonen Feind. <<
Bei den Göttern, seine Stimme schlug über uns zusammen.
