Gespielt am: 09. Oktober 2021
Dies sind die Aufzeichnungen des Oberin Sturmbund von Vallusa zu Rhodenstein über den Zug ins Perlenmeer und den Krieg wider die Blutige See.
22.Firun 33 Hal Zinnen der Sühne
Allumspülendes ROT hüllt uns ein. Seiden prickelte das rote Wabern auf unserer Haut; eben noch. Gefolgt vom samtenen Wallen der roten Wellen, die im ersten Morgenlicht gegen die neu geborene Zinnen der Sühne anschwemmten. Der Übergang aus der Entrückung in RONdras dicht geballtem Sturmesrot in das schwächliche Licht der rot gleißend aufgehenden Frühsonne ging unmerklich vonstatten. Die Besatzung fand sich auf den Planken dieses unheiligen Gefährts wieder, gegenüber einem noch dicht über dem Horizont stehenden PRAiosauge, welches zu dieser Jahreszeit und dieser Stunde keine rechte Wärme spenden mag. Noch waren auch sie umfangen von dem Schauern, das meine Herren uns in ihrer übergroßen Gnade als Gunstbeweis angedeihen ließ. Unsere Fahrt stößt nicht auf ihre Ablehnung. Sie verwehrt mir den Weg nicht, den ich beschreite. Sie tritt beiseite, doch sagt: >>Hüte dich! << Und sie sagt: >>Hüte alle, die dir folgen! << Die Herrin gestattet mir, diesen Pfad zu beschreiten, ebenso allen, die bereit sind, mit mir darauf zu wandeln. An seinem Ende wird sie warten, mit dem Richtschwert an ihrer Seite. An unseren Taten werden wir gemessen. Das sah ich und noch vieles mehr in dem roten Nebel, der die Formen des Dschungels von Maraskan annahm, als sei er purpurner Marmor, aus dem ein genialer Bildhauer minutiös die unnachahmlichen Konturen einer Schönheit herausmeißelt.
Die Besatzung fand langsam auf Deck ihre Füße wieder, wohl auch ihre Sinne und zerstreute sich nach und nach, dem Getrappel ringsum nach zu urteilen. Geschäftiges Treiben setzte bald ein im Sumpf. Die Söldner schafften die Ausrüstung an Bord, die Handwerker montierten die Geschütze. Für mich aber verloren sich ihre Schritte im roten Dschungel, der bis zur blutigen See hinausreichte. Die Maraske durchwanderte den Dschungel irgendwo in meiner Nähe, derweil in der roten See geifernde Dämonen meiner harrten. Doch noch weilte der Blick der Göttin auf mir. Das blaue Wasser in den Sümpfen der Ausläufer der Widderhörner nahm gleichfalls einen roten Ton an, nun da das PRAiosauge langsam weiter hervorkam. Die Schleier wehten um mich, bald glitt mein Blick diesseits, bald wieder jenseits davon.
Ich sah viele Gesichter. Finjan wanderte zwischen den Arbeitenden umher, betrachtete prüfend ihr Werk, fand für jeden ein paar… er verteilte Worte an alle; Ein Kapitän, der seine Mannschaft in den Blick nimmt und sich präsentiert.
Auch auf der anderen Seite wurden wir in den Blick genommen. Da war der scharfe Blick der Löwin, der Jägerin. Sie trat an meiner Seite aus dem Dschungel, doch noch etwas starrte dort, wo das Rot miteinander rang, das Rot des Dschungels und das Rot der See. Von dahinter schien etwas aufmerksam geworden zu sein und danach zu trachten, uns zu sehen, aber die Löwin gestattete es nicht. So nah bei ihr waren alle unfreundlichen Augen stumpf. Aus den roten Schleiern RONdras heraus griff plötzlich eine Hand nach mir. Angesichts der Gegenwart der Löwin bemerkte ich es gar nicht, bis sie sich schwer auf meine Schulter legte. Mein Schwertbruder RONdratreu trat neben uns und mochte er die Löwin auch spüren, er sah weder sie noch den Dschungel oder das Meer. Nicht dieses Meer, das auf uns wartete, sich begierig nach uns streckte. Aber er spürte die Zuversicht, die von der Löwin ausging. Unter seiner Hand verwandelte ich mich, sank auf meine Pfoten herab und lief an der Seite der Löwin im Dickicht des Dschungels den Strand entlang. RONdratreu blieb zurück. Die Löwin musste weder die Maraske noch die Dämonen fürchten, so auch ich nichts, solange sie bei mir weilte. Vielleicht lag es an den geschärften Sinnen der Raubkatze, dass mir mit einem Mal das Fell im Nacken juckte. Etwas traf mich, ein Blick, weder vom Meer noch vom Dschungel, rührte er her. Dann trat vor uns die Maraske zwischen sich teilendem Gebüsch hervor. Ich sah direkt in ihre Facettenaugen, darin sich in Zehntausend gebrochenen Schattierungen mein gesamtes Leben widerspiegelte, Ereignisse, die es ermöglicht hatten, Blickwinkel, die um mein Erleben herum rankten, Orte, die ich noch nicht bereist habe, alles stand in ihren Augen, eingerahmt vom ehrwürdigen Antlitz der Löwin. Sie hatte mich hergeführt, damit ich es sah. Verblüffung ergriff mich, Wärme sickerte durch mich hindurch, bis meine Augen in Tränen schwammen. Durch die Tränen hindurch wurde das Bild auf einmal klar. Eine Facette trat hervor und glitt auf mich zu, bis ich hindurch gegangen war und mich vor dem Turm des Steuerbaums wiederfand, daran hinaufstarrend, bis ich im höchsten Stockwerk einer kapuzenverhüllten Gestalt gegenüberstand. Silberhardt wandte sich ab. Ich glitt über das Deck in den Sturm hinein.
Des Kapitäns Kajüte war leer. Während ich die Stufen hinaufstieg, traten Ranken aus der borkigen Haut der Arche wie Adern hervor. Tiefes Blau flutete die Wände entlang, als ich den Raum mit dem Kelch der Tausend Augen betrat. Darin stieß ich auf Aswulf, der mit den Walen spricht, und sein Gegenstück in der Navigation Kolja Drausnick, die sich regelrecht unbedarft dem dämonischen Kelch näherten. Ich unterband es, verbot ihnen den Kelch zu berühren oder hineinzublicken.
Wie ich die Treppe zum höchsten Stockwerk betrat, streckten sich die Ranken nach mir, betasteten meine Haut, wichen aber vor mir zurück, als ich mich der Luke nach oben näherte, die offenbar nicht da war. Ich drehte wieder um und fand mich vor einem scheinbar stetig dichter werdenden Netz aus Ranken, fast wie ein Tangfeld in diesem widerlichen blauen Unterwasserlicht. Doch erneut öffnete es sich vor mir. So öffnete sich auch hinter mir die verborgene Luke, in der Silberhardt stand und auf die Treppe trat, aber nur auf die erste Stufe. Ich setzte meinen Fuß wieder auf den von Adern durchzogenen Boden. Mit einer Mischung aus Neugier und Beunruhigung erkundigten sich die beiden Navigatoren, was dort oben sei. Ohne die Frage zu beantworten, schickte ich sie fort, um mit meinem Bruder sprechen zu können. Er stand dort oben auf der Treppe, kaum zu sehen unter seinem Umhang, ich am Rande des Raumes, wo Rot und Blau in den Schatten um mich rangen. Ewigkeiten schien es her zu sein, dass wir einander gesehen hatten, obschon die Jahre seit meinem Weggang aus Vallusa viel länger hätten gewesen sein sollen. Der breitschultrige Mann schien… weniger geworden zu sein, das Gesicht verblasste. Doch fragte er mich, was sie mit mir getan hätten.
Die Ranken hatten Blätter ausgebildet und wandten sich um mich her. Dem kalten Blau schienen sie entfliehen zu wollen, mir zugeneigt und doch die rötliche Aureole fürchtend, die mich einhüllte. Ich war mir selbst offenbart, das war alles. Die Arche werde eingehen, erklärte mein Bruder mir, sollten wir nicht bald aufbrechen, um sie am Unwasser der Blutigen See zu trinken. Bei seinen Worten trieben die Ranken rasch wachsende, füllige Früchte, die sie mir schwer herabhängend noch dichter entgegendrängten. Faulig geschwollen trieben sie mir widerwärtigen Geruch fauliger Süße um die Nase. Mit einem Mal schien ihre Scheu verloren. Sie hängten sich um mich, strichen über meine Gewandung. Silberhardt deutete auf eine Wurzel in der Decke. Sollte ich mit ihm zu sprechen haben, bräuchte ich nur daran zu ziehen und mir würde Einlass gewährt. Die sich windenden und weiter austreibenden Ranken hatten mich nun vollkommen eingewickelt, wie eine Spinne ihre Beute, doch war ich nicht ihr Gefangener. Sie zogen mich an sich, als wollten sie mich zu einem Teil des Schiffes machen. Eine der glatten Beeren, in ihrem aus rot und blau geborenen, verzückend garstigem Glanz lag sich quellend emporwallend unter meiner Zunge. Ich fragte Silberhart, wie er das Schiff unter seine Kontrolle gezwungen habe. Er sagte mir, es sei das Schwert der Herzogin der Nachtblauen Tiefen, mit dem er den Dämon unter seine Kontrolle gezwungen habe. Die Beere zerplatzte unter meiner Zunge. Ihr bleiches, schleimiges Inneres schwappte durch meinen Mund. Es sei anstrengend, doch falle es ihm stetig leichter, versicherte Silberhart. Das Schwert, natürlich, das ergab Sinn. Die buschigen Ranken zogen sich in die Schiffswände zurück, sanken herab. Wenn er etwas bräuchte, müsse er es nur sagen, versicherte ich Silberhart. Er brauche nichts, befand er. Jeder von uns wandte sich zum Gehen. Er stieg hinauf, ich hinab. Neben mir wurden Schiffswände zunehmend lebendig. Das tote Holz wurde vom lebendigen Rot des Dschungels aufgebrochen. Über mir stieß Xyleste einen kehligen Schrei aus, als die Luke sich schloss. In meinem Mund schmeckte ich das verdorbene Fruchtfleisch. Baumstämme formten sich in der Wand, das hervorkriechende Blattwerk türmte sich zu ihren Kronen.
