[34.2] Der Dschungel frisst

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[34.2] Der Dschungel frisst
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Gespielt am: 09. Oktober 2021

Bei Sonnenaufgang wird die Mannschaft an ihre Stationen beordert. Oberin verlässt den blutigen Messeplatz auf dem Oberdeck und sucht seinen Bruder Silberhardt im Steuerturm, der von dessen höchstem Stockwerk aus die Arche steuert. Oberin bemerkt eine Veränderung in seinem Bruder, doch kann diese schwerlich in Worte fassen.

Unten in der Kapitänskajüte angekommen, stand mir Finjan gegenüber. Ich informierte ihn über das, was Silberhardt berichtet hatte, doch da stieg dieser bereits selbst zwischen den Stämmen des Dschungels, der sich nun stetig lebhafter um uns gestaltete, herab, um dem Kapitän zum Steuerbaum hinaufzubitten. Ich ging hinaus und der Dschungel breitete sich aus. Was mein Bruder Finjan zeigen wollte, hatte ich ohnehin bereits geschaut. Der Steuerbaum war stärker verholzt als zuvor, lebloser. Die Arche verhungerte. Wenngleich Xyleste nunmehr sich weniger aufdringlich den Besuchern entgegenzustrecken mochte, blieb sie durchtrieben scharfsinnig und gefährlich. Die Zurückhaltung der gepeinigten Perainiane hingegen hatte zugenommen, obgleich sie für das doppelgesichtige Wesen der Arche unentbehrlich schien. Mein Bruder wusste just in diesem Moment dem Kapitän sicherlich noch mehr über das Machtgefüge der Frauen im Steuerbaum zu berichten. War er nicht Triumphator über die Groteske, die wir nun mit unserer Besatzung bevölkerten? Der Turm blieb hinter mir zurück.

Die Reling, das Oberdeck, die Aufbauten, alles nahm sich der Dschungel, erfüllte es mit aufdringlich blühendem Laben im Licht einer Sonne, die sich nur zögerlich aus Kuss und Umarmung der See lösen wollte. Zwischen Büschen und unter Bäumen standen unsere Truppen in kleinen geschäftigen Grüppchen umher. Ehrfürchtige, bewundernde, beunruhigte Blicke flackerten auf, wohin ich auch ging, oft genug rasch wieder abgewandt, dabei bin ich sicher, keiner sah, wie der rote Dschungel die dämonische Kreatur für uns in Besitz nahm. Schon gar nichts bemerkten sie die Löwin, die stolz an meiner Seite schritt, und sie ahnten auch nichts von der Maraske, die irgendwo über das Deck glitt.

Dann setzte ein Ächzen im Bauch des Biestes ein, die Offiziere befahlen die Mannschaften unter Deck in ihre Quartiere. Der Kapitän hatte meinen Bruder über die von uns gewünschten Umbauten im Schiff in Kenntnis gesetzt. Der Wille meines Bruders zwang den Dämon in die uns genehme Form. Der Dschungel durchdrang ihn vollkommen und band ihn.

Das verderbte Wesen erzitterte, die Wand des Dschungels wucherte in den Wanst des Biestes herab, bis er die Arche vollkommen bedeckte, mit seinem gesamten Leib verwachsen war, außen und innenwandig. Ich stand an der Reling und betrachtete die Verwandlung, die das Schiff seit dem Morgengrauen erfasst hatte. Für einen Moment brandeten die blutroten Wogen wütend gegen den Schiffsrumpf an. Die Löwin stolzierte über die Reling und betrachtete das Ringen des roten Wassers mit den roten aufsprießenden Gewächsen des Dschungels, die sich gegen die aufgewiegelten Wellen stemmten. Die Dämonenscheide wurde wieder sichtbar. Das Meer begann dort unten zu horchen, bis ein gewaltiges Beben durch den Giganten lief. Die Beine des Wasserläufers stießen durch die Fluten, die Arche erhob sich, wankte zu dem entlaufenen Futterschiff hinüber, riss das abscheuliche Maul auf und zerriss mit seinen grobschlächtigen Fängen die Flanke der Kogge, um sogleich den Bug ganz abzuspeisen und kurz darauf das versinkende Heck gierig hinunterzuschlingen.

Die Dämonenarche war ein Raubtier, wie der Dschungel, kleiner zuvor, doch mit ebensolcher Gefräßigkeit und größerer Bosheit noch angefüllt. Dieses beängstigende Spektakel hatte nahezu die gesamte Mannschaft mit großem Staunen und unheilvollem Schauder beobachtet. Ich fragte mich, ob ihnen klar war, dass es unsere Aufgabe sein würde, den Dämonen stets mit genügend Nahrung zu versorgen, da er sonst keine Sekunde zögern würde, uns zu fressen. Wir mussten die Dämonen dazu bringen, einander zu verzehren, sonst würden sie uns verschlingen. Das Gesetz des Dschungels galt selbst über diese Brut. Mochten sie auch in unsere Sphäre von außen eingebrochen sein, über ihn konnten sie sich nicht stellen, solange sie hier weilten. Auf diesem Wege konnten wir sie vernichten, derweil sie sich selbst noch an ihrer Fresslust ergötzten. Ich wandte mich ab von den rotglänzenden Gesichtern an Deck. Ob meine Worte wahrhaft deutlich gemacht hatten, was uns hier erwartete? Ein Prankenhieb der Löwin traf mich ins Gesicht, doch sie hatte ihre Krallen eingezogen. Am Heck griff die Arche nun nach der Urischar und zog unser tapferes kleines Schiff in ihren Hinterleib ein. Noch mehr Staunen und Verwunderung der Besatzung begleiteten das Spektakel. Indes war mein Blick zwischen zwei wehenden Schleiern hindurch auf eine schmale, hochgewachsene Gestalt im Bug gestützt, die dort oben auf dem Schädel stehend hinaus auf die See blickte. Ich vermochte nur ihre Kehrseite zu sehen. Lange schwarze Haare flatterten im Wind. Ich wollte zu ihr gehen, doch da rief die volltönende Stimme des Kapitäns die Besatzung zusammen. Mein Blick huschte zurück zu der Frau dort oben, doch als meine Augen sie neuerlich zu berühren suchten, zerstob ihr liebreizender Leib just, als sie sich zu mir umwandte, in einem Schwarm unwirklich schöner Schmetterlinge in roten, blauen und lila Schattierungen. Xylestes Lachen rollte über Deck. Zurückblieb, wo sie gestanden hatte bloß ein einzelner emporgereckter Blütenkelch einer Orchidee. Rings darum troff Moos über den skelettierten Schädel eines Wesens, von dem ich mich nie gefragt hatte, was für einer Kreatur er gehört hatte, ehe ihre bloßen Fußsohlen ihn berührt hatten. Rote Schleier wehten um mich, wickelten sich um meine Glieder, während ich eilte, hinauf zu meinem Kapitän zu gelangen.

Just als alle Truppen angetreten waren und gespannt zu Finjan heraufschauten, trat ich hinter ihn. Wie es seine Art ist, beschränkte er sich auf wenige prägnante Worte, um alle auf die bevorstehende Fahrt einzustimmen. Die Gezeitenspinne war umgebaut worden, neu ausgerüstet, unsere Leute hatten sie in Besitz genommen. Sie stand unter dem Befehl eines neuen Steuermanns und ein neuer Kapitän hatte auf ihr das Kommando übernommen. Das Rot des Dschungels hatte sie vollauf verändert. Als der Kapitän den Befehl zum Auslaufen gab, existierte die Gezeitenspinne nicht mehr. Der Dämon trug nicht bloß einen neuen Namen. Er behielt seine boshafte Natur und war doch durch und durch verändert.

Die Arche, die nun loslief, hinaus aus den Sümpfen, hinaus auf das Meer unter dem endlich steigenden PRAiosauge, war verwandelt worden. Selbst nicht geläutert würde sie all das verderbte Dämonengezücht dort draußen mit Feuer und Schwert läutern. Der monströse Dämon, der da vorwärtsstürmte, war zu den Zinnen der Sühne geworden, eine rote Seerose auf den Wellen der Blutigen See. Eine fleischfressende, blutlustige Seerose mit acht Spinnenbeinen, die über das Wasser rannte, das war der Dämon, den wir ritten, als der Tag sich erhob. Die Löwin war verschwunden, sie war mir nicht heraufgefolgt. Unserem Schicksal entgegenbrausend hatte ich das Gefühl, dass hinter mir Vorhänge zugezogen wurden. Die Ecken kitzelten mir im Nacken, aber erst als ich hinter dem Fenster des Gesichts einer Frau gewahr wurde, das ich nicht zu erkennen, nur zu erahnen vermochte, erfasste mich eine unangenehme Gänsehaut.

Ein scharfer Fahrtwind pfiff uns um die Ohren, das Wetter war klar, die Luft beißend kalt. Ein Ausguck wurde aufgestellt. Zu dritt zogen wir uns in des Kapitäns Kajüte zurück, um die nächsten Aufgaben durchzusprechen. Noch war das meiste an Bord ein Provisorium. Kolokewski kramte zudem einen Anschlag hervor, den er in Vallusa abgerissen hatte. Darauf wurde demjenigen reiche Belohnung versprochen, der eine gewisse Perainiane ihrem adligen Vater zurückbrachte. Die Zeichnung des Gesichts der gesuchten Frau trug trotz Verholzung und der darin inzwischen eingegrabenen Pein so deutlich die Züge der gequälten Frau dort oben im Steuerbaum, dass ich Kolokewskis Vermutung, die beiden seien ein und dieselbe, auf Anhieb teilte. Finjan war weit weniger davon überzeugt. Wie dem auch sei, es stieß uns auf ein weiteres Problem mit der Arche. Konnten wir die Frauen dort oben ihrem Schicksal überlassen? Waren es überhaupt noch Frauen, für die etwas getan werden konnte? So viele Fragen über die Arche und das weitere Vorgehen waren offen.

Wir erkannten, es war an der Zeit die weisesten und tatkräftigsten Menschen, die wir an Bord geführt hatten, zusammenzurufen, um sie in die Geheimnisse dieses obskuren Reisemittels einzuweihen. Wenig später hatte sich eine beachtliche Schar von Leuten zusammengefunden. Zum Kapitän, dem ersten Offizier und mir als Bordgeweihten und obersten Söldnerführer stießen die übrigen Geweihten mit Ausnahme von Blutschluck, den man nicht eingeladen hatte, die Magistra Xindra Meergenz aus der Halle des Quecksilbers zu Festum, Jasper der Wandler, der Efferdsbruder Wartenberg sowie die vier Söldnerführer. Eine besondere Erwähnung verdient vielleicht Silberhardt, den ich zwar zu den Geweihten rechnen würde, der aber in diesem Fall von Finjan als Steuermann der Arche und jene Person mit dem größten Wissen über sie hinzugebeten worden war; sehr zu seinem Erstaunen, wie ich hinzufügen möchte.

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