[33.1] Feuer und Eis

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[33.1] Feuer und Eis
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Oberin hat gefunden, wenngleich auch nicht, was er gesucht hat. Im Überwals trat er einem Mantikor gegenüber und überlebte die Begegnung. Nun reist er gemeinsam mit der feuerhaarigen Maraskanerin Yasindanid, die er an seinem Kampfplatz antraf, zurück nach Festum. Auf dem Weg dorthin weist sie ihm die Pfade der Speermeisterschaft.

Dies sind die Aufzeichnungen des Oberin Sturmbund von Vallusa zu Rhodenstein über den Zug ins Perlenmeer und den Krieg wider die Blutige See.

18.FIRun 33 Hal, Straße gen Festum

Bis Festum ist es nun nicht mehr weit. Wir rasten noch einmal für eine kurze Nacht, um morgen die Stadt zu erreichen, wo Finjan hoffentlich alle Vorbereitungen für unseren baldigen Aufbruch vorangetrieben hatte, wie ich es ihm zum Zeitpunkt meiner eiligen Abreise so zuversichtlich zugetraut hatte.
Die zurückliegenden Tage erscheinen mir wie ein Traum, voll von Eindrücken, die nicht notwendig einen klaren Zusammenhang aufweisen und in ihrer Vielzahl nicht in so wenige Tage zu passen scheinen. Wenn ich womöglich versucht haben mochte, sie aufzuzeichnen, so ist es mir nicht gelungen. Seit jenem Duell im Überwals liegt der Schatten des MantiKOR auf mir, so wie sein heiliges Blut die Spitze meines Speeres verfärbt hat.

Wir liefen lange in jener Nacht. Immer tiefer zog Yasindanid mich in das Reich des träumenden Waldes, die gezackten Mondschatten wurden uns zu Stufen, die uns tiefer hineinführten, bis wir die Pforten durchschritten und uns ganz in ihm verloren. Wobei ich nicht zu sagen vermag, ob Maraskanerinnen auf die gleiche Weise verloren gehen wie wir Fremdijis. Wie wir da durch den Wald stürzten, der von einem unbegreiflichen Zauber völlig verändert war, bin ich sicher, dass Yasindanid sich jederzeit genau zurechtfand, obwohl sie mir nicht hätte sagen können, wo wir waren oder wo wir hinrannten. Wobei … selbst jetzt spüre ich ihren sanftmütig tadelnden Blick auf mir. Sie würde mir erklären, sie hätte es sehr wohl sagen können, bloß sei ich es, der es nicht verstanden hätte, hätte sie es getan. Die Bewohner Maraskans verfügen über einen Zauber des Denkens, der einen unweigerlich in seinen Bann schlägt, sofern man sich nicht ganz und gar dagegen sperrt. In ihrer Gesellschaft erneuert sich das Staunen über die Welt, die Sinne öffnen sich der Erfahrung des Seins statt sich im Versuch, es zu Durchdringen zu verschließen. Ich glaubte, das Leben im Dschungel habe die Maraskaner dies gelehrt, doch wenn das so ist, dann tragen auch sie den Dschungel in sich, wohin sie auch gehen.
Yasindanid hält meine Hand, die ganze, als fürchte sie, ich bliebe einfach stehen, ließe sie los oder verirrte mich, wenn ihre Hand mich nicht führt. Nein, sie fürchtet es nicht; sie nimmt an. Yasindanid hält meine Schwarze Hand. Zum ersten Mal, seit ich das Schwert der Herzogin der Nachtlblauen Tiefen ergriffen habe, spüre ich wieder den Schlag meines Herzens in diesem Handgelenk. Er sticht mir bis in die Fingerspitzen. Für einen Moment dröhnt der monumentale Herzschlag der Dämonenarche schmerzhaft in meinem Schädel auf, ich spüre, wie ihr Herz sich übergroß in meiner Brusthöhle wölbt, sie zusammenzwängt und aufbläht, das Herz von Xyleste und … das Herz von Xyleste und … ihr üppiges Wahlherz schien mir den Leib zu sprengen, schnürte mir die Kehle zu. Ich hörte ihre Stimme, die zu mir sprach. Diese Worte hatte ich schon einmal vernommen – nur wo? Langes dunkles Haar treibt um mich. Starke Arme ergreifen mich, die Wärme eines schwellenden, ungemein weiblichen Leibes legt sich auf mich. Ich bin regungslos und werde doch empor gehoben. Ich ersticke, bis sich eine Zunge in meinen Mund zwängt, volle Lippen sich an den meinen festsaugen. Heiße Röte ergießt sich in mich. Bellimonë Irrlichtjäger erschien vor mir: „Wie würdest Du mir jetzt einen Kuss beschreiben?“ Aber ehe ich die Augen aufreißen kann, die so unglaublich träge geworden, dass sie mir zugefallen sein müssen, fährt durch meine verdorrten Finger ein neuerlicher Impuls. Ich spüre den Schlag eines anderen Herzens darin, das Herz einer feuerblütigen Frau, rot und wild gleich dem Dschungel Maraskans, welcher der Tod und das Leben ist, der nicht hinterfragt, dem allein der Moment gebietet, wissend, dass jetzt gelebt wird, weil rasch gestorben wird, denn der Tod der Einen ist das Leben der Anderen und umgekehrt, und wo überall gelebt wird und der Tod allgegenwärtig ist, da ist der Übergang von einem zum anderen nie schwer. Reue und scheu sind unnötig. Jedes lebende Wesen tut, was ihm am meisten verlangt, da ist nichts zu bedauern. Der Tod ist keine Fessel und was wieder lebendig wird muss wieder leben. Das ist das Verlangen der Existenz und die Erwartung des Todes. Das ist das Wesen des Dschungels. Ich spüre Yasindanids Finger zwischen meinen. Sie hält meine Hand während wir laufen, damit ich nicht verloren gehe. Von ihren kühn geschwungenen Wangen lese ich ein wildes Lächeln für einen Fremdiji, der glaubt, die Offenbarung des Dschungels zu erahnen, in dem er sie in Worte fasst.
Yasindanid nimmt mir die Feder aus der Hand und greift nach meinem Speer.
>>… nicht sterben sehen kannst<<, sagt der MantiKOR mit rauer Stimme.
>>Genieße eine kurze Pause mehr als eine lange<<, denke ich mir.
Derweil wir den träumenden Wald durcheilen, lässt die Maraskanerin keine Gelegenheit aus, den Fremdiji zu unterweisen. Dieses ungeheure Bedürfnis des Volks von Maraskan, alle Fremdijis wie Schüler über die Natur des Seins zu belehren, bricht sich, wie ich erkennen durfte, erst vollends Bahn, wenn man an eine von ihnen die Bitte richtet, tatsächlich von ihr in der ureigensten Kunst unterwiesen zu werden, und als Schüler angenommen zu werden. Yasindanid Feuerzunge ist eine derartige Meisterin in der Beherrschung aller Arten von Speeren und Stabwaffen, dass ihre ungezügelte Kunstfertigkeit mir Hören und Sehen vergehen ließ. Ihre Hingabe an den Speerkampf lässt die Kriegerin zur Künstlerin werden. Yasindanid mag keine Worte dafür gebrauchen, doch die Gedichte, die sie schreibt, lassen keinen Zweifel daran, dass sie die größte Kriegerpoetin ist, die zu treffen mir bisher vergönnt war. Das Rot, das sie hervorzaubert, steht dem Rot des Dschungels in kaum einer Nuance nach. Wildheit jedoch kennt Nuancen. Nur eine Kriegerin gibt es, der zu begegnen mir vergönnt war, die mich in ihrem ganzen Wesen eben so sehr zu beeindrucken vermochte, wie Yasindanid; sie ist keine Poetin, sie ist Priesterin mit Haut und Haar: Al’ Zulsabith, die Tochter des Blutes. Ungemein inspirierend sind beider Frauen Kampffertigkeiten, dabei bleiben Priesterin und Poetin in ihrem Fall zwei unterschiedliche Berufungen, deren Vereinigung in mir ich anstreben will.
Al’Zulsabith ist meine Löwin vom See, meine Priesterin, die mich anleitet, in der Dunkelheit auf meinem Weg, das Licht der Göttin stets im Blick zu halten.
Yasindanid ist eine Maraske, eine Dschungelführerin, die mich auf dieser Fahrt durch sein Rot geleitet, verlangt seinem Blick aus ihren Facettenaugen standzuhalten.
Al’Zulsabith rang mich mit der Anmut einer Tänzerin nieder.
Yasindanid brachte mich zur Strecke wie ein Raubtier.
Al’Zulsabith und ich fanden unseren Rhythmus im Gebet. Wir waren der Leib und das Wort, zwei Schneiden, eine Klinge.
Zwischen Yasindanid und mir entspann sich das Spiel der Jagd, das Ringen von Leben und Tod, vereint nur darin, dass wir den Anderen verschlangen, um das Spiel erneut zu beginnen.
Die Tochter des Blutes treibt wie mich das Bestreben, durch den Kampf zu einem höheren Ziel zu gelangen, sodass sie mich im Tanz in ihrer stürmischen Inbrunst mit sich vor das Antlitz RONdras riss. Und so tanzten wir.
Für die Maraskanerin jedoch offenbart sich der Kampf selbst als ein einziger Inbegriff des Lebens, seine Kunst bedeutet das wahre Wesen der Kämpfenden, nicht der Zweck, den sie zu dienen suchen. Und so kämpften wir.
Al’Zulsabith war neugierig auf meinen Speer wie so viele auf meinen Reisen, ihrerseits mehr noch als ich begierig, Neues zu erfahren, und selbst von so zupackender Art, dass sie meine Sprache mochte, es genoss, die Worte aus meinem Mund zu hören, miteinander zu reden und zu predigen verband uns nur noch mehr.
Yasindanid hingegen ist am Speer mehr als eine Waffenmeisterin, sie ist eine Virtuosin und gestrenge Lehrerin, die mich gleichsam mit harten Schlägen wie mit spitzen Worten maßregelte.
Wo jeder Streich, mit dem die Tochter des Blutes mich durchbohrte, schmerzte, ließ die Maraskanerin mich jeden Fehler mit wohlmeinender Strenge spüren. Wenn ich ihren Reden Paroli zu bieten antrat, schüttelte sie bloß den Kopf über den so kindlich daher kommenden Fremdiji. So redeten wir bald nicht mehr, kämpften stumm wie Wölfe auf der Jagd.
In Al’Zulsabith fand ich die tiefste Freude im Glauben, wenngleich wir ihn verschieden leben, so führten unsere Schwertgänge, so oft sie mich auch besiegte, nur dazu, dass wir in unserem Glauben noch mehr zusammenfanden, in einer schwingenden Harmonie.
Yasindanid aber besorgte, dass mir die Lust nach Harmonie einstweilen versiegte und ich ganz nach der Freude im Sieg lechzte, den ich nie gegen sie erringen konnte. Erst Yasindanids Ausbildung ließ mich begreifen, was die VII.Regel des KOR wahrlich besagt. Und als sei ich der Dschungel, erwachte in mir der unstillbare Durst, zu triumphieren, die Gegner in den Staub beißen zu sehen, um bei Sonnenaufgang zu rufen: Ich bin noch hier! – Und doch zu wissen, dass es nur ein Tag mehr war, den ich errungen hatte, denn bei der nächste Begegnung würde neu ausgefochten, wer die Jägerin und wer die Beute sein würde. Am Ende liegt darin eine ganz eigene Harmonie des Kosmos, in der aus dem unablässigen Wettstreit der Spielenden ein Stück sondergleichen hervorgeht, ein Schauspiel, das alle Stücke der Heldenbühne zu Gareth überstrahlte.

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