Gespielt am: 12. Juni 2021
Oberins Schwanken zwischen den Lehren Kors und Rondras verstetigt sich während seiner transzdenten Reise mit der Maraskanerin Yasindanid zurück nach Festum. Wie er die Schauplätze seiner Hinreise vor wenigen Tagen abschreitet, wird offenbar, dass er nicht mehr derselbe ist, der diese Straße einst hinaufkam.
Nicht weit jenseits dieser Kreuzung kam uns eine Gestalt in der Ferne entgegen. Wie sie näher kam, erspähte ich, dass sie ungeachtet ihres eiligen Schrittes ein Bein nachzog. Sie blieb so dunkel wie von weiter weg, und allzu bald nur konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es dieser KOR Geweihte Bastard Blutschluck war, der da auf uns zu hielt. Sein lautstarker Zuruf offenbarte, er hatte mich gleichfalls erkannt. „Oberin!“, grölte er, begleitet von herrischem Winken.
Ich lenkte das Pferd auf ihn zu. Als er uns fast erreicht hatte, zügelte ich das Tier und stieg ab.
Verwundert fragte ich Blutschluck, was er hier tat. Aufgebracht berichtete er mir, Finjan habe ihm eine Rückkehr an Bord der Arche verweigert. Ich kann weder behaupten, dass mich das überraschte, noch dass ich das aus Finjans Perspektive nicht für eine schlüssige Entscheidung gehalten hätte. Dass der verrückte KOR Geweihte nun versuchte, rascher über Land zur Arche zu gelangen, als Finjan mit der Besatzung über den Seeweg, passte gleichfalls ins Bild, obwohl ich nicht wusste, wie er beabsichtigte, zu verhindern, dass der Kapitän ihn nach seinem Eintreffen einfach ins Meer werfen ließ, selbst wenn er vor ihm an Bord gelangte. Aber die Entschlossenheit des Mannes lichterte so irrwitzig aus seinen Augen, dass es keinen Zweifel gab, dass er mit allen Mitteln an Bord zu gelangen versuchen würde, und nur schwer wieder herunterzukriegen wäre. Blutschluck mochte nicht besessen sein, bei Verstand war er jedoch gewiss nicht mehr. Mir kam in den Sinn, dass jemand einmal gemutmaßt hatte, der wahre Glaube sei womöglich auch nur eine Form des Wahnsinns. Ich bezweifle dies. Anders als Finjan erkannte ich aber, Blutschlucks Schicksal war untrennbar mit jenem der Dämonenarche verbunden. Der Kapitän konnte das nicht verstehen. Er sollte den Göttern dafür dankbar sein. Mir jedoch schlug das Herz im vernarbten Hals und es war mir, als müsse es mir gleichsam aus den drei Löchern darin herauslichtern. Die Geweihten KORs gingen eigene Wege. Ich wusste nicht, ob es für Blutschluck vor seiner Folter auf der Arche etwas anderes gegeben hatte oder hätte geben können als den Kampf auf dem Deck, dass sein Blut getrunken hatte. Doch ich wusste, jetzt war es das Einzige, was ihn auf Dere noch eine Art von Stabilität, einen Platz in der Welt bieten mochte. Wir waren der Kampf und der Kampf war in uns. Der Geweihte, der er war, musste dort auf diesem abscheulichen Gefährt dienen.
Ich fühlte es, ich fühlte seine Berufung, wie ich die meine fühlte. Sein Glaubenszug mochte zu einem Rachefeldzug geworden sein. Auf meinem Glaubenszug würde er sich als mächtiges Werkzeug erweisen, als Hammer, der die Dämonenbrut zerschmettern würde. Gern hätte ich ihn als mächtigen Verbündeten betrachtet, doch dafür hatte sein Verstand zu sehr gelitten. Es kam darauf an, ob wir seinen quellenden Drang nach Rache wenigstens in Teilen in gezielte Bahnen lenken konnten. Es war klar, warum Finjan ihn nicht dabeihaben wollte, aber der Kapitän hat auch noch keine Vorstellung von meinen Plänen, von der Gewalt des Werkes, das wir vereint in Gang setzen können. Er denkt praktisch, kurzfristig und taktisch, immer auf der Suche nach dem nächsten Gefecht. Tief im Norden, im Kampf, war mir klar geworden, wie sehr das mächtige Werkzeug, das uns in die Hände gespielt worden war, uns eine viel größere Aufgabe auferlegt hatte. Es war an uns, einen Sturm zu entfachen, der die Blutige See hinfort fegen würde. Dabei brauchten wir jeden Zwölfgöttertreuen, der uns folgen wollte; nicht nur die Schwerter, auch Äxte und Hämmer, die Speere, selbst Schilde, Bögen und Geschütze, Magierstäbe. Nicht nur die Disziplinierten und Klugen, die Schneidigen und Gelehrten, auch die Übermütigen, die Einfachen, die Vielen und die Verrückten. Wir brauchten sie alle und alle würden zusammenstehen müssen, das Volk, der Adel und die Kirchen, das Reich und die übrigen Reiche. Worauf es ankam, war, sie alle unter starker Führung zu vereinen. Finjan ist der richtige Mann dafür, tatkräftig, stark und entschlossen. Nur etwas Rat bedarf er. Die Frage war nicht, ob sich Blutschluck einreihen würde, die einzige Frage, die zählte, war, ob Blutschluck eine Gefahr für unsere Mannschaft darstellen würde. Er schwor mir bei den Göttern, es käme für ihn nie in Frage, die Besatzung, an deren Seite er kämpfte, in Gefahr zu bringen. Ob wahnsinnig oder nicht, er war immer noch ein Geweihter, und ich glaubte ihm. Zwischen zwei Geweihten brauchte es nicht viel mehr Worte. Ich gab ihm die Erlaubnis, an Bord der Arche zu gehen, vorbehaltlich, dass es mir gelingen würde, des Kapitäns Meinung zu ändern. Wie ich das tun wollte, wusste ich nichts, doch ich war zuversichtlich.
In einer unerwarteten Geste legte Blutschluck mir eine Hand auf die Schulter. Ich tat es ihm gleich. Überraschend begegneten wir uns in diesem Moment in großer Nähe von KOR und RONdra. Wahrscheinlich war ich derjenige an Bord, der Blutschluck besser verstand als irgendwer sonst.
Er humpelte weiter auf die Sümpfe zu, während wir den Weg nach Festum wieder aufnahmen. Mein Blick folgte ihm in die Ferne. Wie KOR RONdras Vollstrecker war, so würde der karfunkelherzige Bisfrabul Blutschluck unserer sein.
Was der stoische Neersander noch nicht begriffen hatte, ist, dass der Dschungel nicht bestimmt, wer ihn betritt. Er lässt jeden ein und verschlingt sie, wie sie kommen.
Und die Totgeweihten gingen weiter.
Rote Bitterkeit füllte mir die Kehle, denn ich ahnte, auch Blutschluck hätte mich besser verstanden als jeder andere, wäre sein Verstand nicht bereits so zerrüttet gewesen. Hinter mir auf dem dahineilenden Ross gewahrte ich die Gegenwart von Yasindanid Feuerzunge, wie die schweißtreibende feuchte Hitze des Dschungels am ganzen Leib. So kalt der Wind mir auf dem Ritt im Dienste meiner Göttin entgegenschlug, gemahnte er mich doch an Al’Zulsabith, der weiße Hauch des Südwinds auf der Haut. Im Sumpf harrte Xyleste lauernd meiner Rückkehr. Dort draußen wartete geduldig die Blutige See, ein kaltes Grab bereithaltend. Und weit, weit in der Ferne, Thalionmel, meine warme Thalionmel, Thalionmel mein Herz.
