[33.5] Die Schande der Sünde

Gespielt am: 12. Juni 2021

Wenige Worte hat Oberin für Finjan, den er nicht über seinen Aufbruch vor 10 Tagen informiert hat. Seine Gedanken drehen sich einzig um das, was vor ihm liegt. Er muss die Kirchen besänftigen, um ihre Mission nicht von vornerein zum Scheitern zu verurteilen. Im Rondra Tempel hat er jedoch noch weitaus persönlichere Angelegenheiten.

So packte mein Schwertbruder fest zu und ein Teil der Angst entschlüpfte mir, ehe ich es zu verhindern vermochte, nicht aber alle Angst, nicht bevor ich mich besann. Doch meine Beichte war allumfassend und also schwerwiegend. Darum ging mein Bruder RONdratreu den Herrn dieses Tempels herbeiholen, Ihre Eminenz Gernot von Halsingen, Meister des Bundes der Senne Bornland, der hier im Tempel der Löwin seinen Sitz hat. Ich war kaum in einer Verfassung, die eine angemessene Beschreibung des eindrucksvollen Mannes gestatten würde. Als er den Raum betrat, drückte seine Präsenz mich schier nieder, umzingelt von all den Verfehlungen, die ich im Dienste unserer Herrin begangen hatte. In gerechten Worten schmähte er mit harter Stimme mein Tun. Sie wiederzugeben, dafür schäme ich mich doch zu sehr. Einstweilen jedenfalls stellte er mir den Geweihten Siegrond RONdratreu an die Seite, mich für dahin anzuleiten. Des Weiteren befahl Ihro Gnaden mir, am nächsten Tag wiederzukehren, meine angemessene Strafe zu empfangen. Ich gestehe. Für den Moment war ich einfach nur froh, dem Tempel der Löwin entfliehen zu können, als Ihro Gnaden mir befahl, ihm nun aus den Augen zu gehen. So bedrängt von der Schande meines Versagens, konnte ich mich selbst nicht länger ertragen, nicht leiden, dass meine Anwesenheit den Tempel der Göttin nur einen Moment länger besudelte. Nur zu gern scherte ich mich fort, um in irgendeiner Gasse zu verharren, bis ich wieder Luft bekam. Die scheinbar allgegenwärtigen Goblins, die dort herumlungerten, kümmerten mich nicht. Ja, im Grunde gehörte ich vielmehr zu diesen Goblins hier auf der Straße als in einen Tempel zu meinen Schwertgeschwistern. War ich denn der Herrin nicht eben so wertlos wie diese schwächlichen Kleinorks? Was nur würde mein Onkel sagen, sähe er mich nun? Wie schmerzhaft wäre der Tag, da ich ihn endlich wieder in die Augen blicken würde, um darin zu erkennen, wie sehr er enttäuscht sein würde von dem Mann, der ich geworden war, eine Schande für den Orden. Das jetzt, wo eine Spur zu ihm zum ersten Mal greifbar nahe war –

Ich hatte die Fassung verloren und benötigte eine Weile, sie zurückzuerlangen. Eines jedenfalls war gewiss: So würde ich meinem Onkel nicht unter die Augen treten. Nicht nur meine Verpflichtungen hielten mich nun davon ab, umgehend aufzubrechen, die Fährte von Nellgard FIRunstochter aufzunehmen, die mir seit Yasindanids Hütte nicht mehr aus dem Sinn ging, obschon ich mich mühte, nicht an sie zu denken. Ehe ich meinen Onkel wiederfinden kann, muss ich mich zunächst selbst wiederfinden. Ich muss ihm beweisen, dass aus mir unter seiner Anleitung ein würdiger Diener unserer Göttin geworden war. Sollte ich es da nicht als Zeichen ansehen, dass abermals ein RONdra Geweihter mit Namen Siegrond an meine Seite trat, meine Schritte auf den Pfad unserer Herrin zu leiten? Ja, ich hatte versagt, meine Ehre aber war noch nicht verloren. Ich hatte meine Schuld endlich eingestanden und die dafür auferlegte Strafe würde mich reinigen und davon befreien. Wer war ich in diesen dunklen Stunden gewesen? Ein Anderer, doch gewiss nicht Oberin Sturmbund von Vallusa zu Rhodenstein! Ich sollte nicht hier ausharren, mein Schicksal zu beweinen, ich sollte aufstehen und für die Göttin streiten sowie all jene, die sich auf Dere bedrängt sahen. Und anfangen würden wir hier; wir würden anfangen, in dem wir die Dämonen und verderbten Paktierer aus der Blutigen See tilgten! Ich würde fortan der Göttin besser dienen, meinem Onkel beweisen, dass er sich nicht in mir getäuscht hatte und allen Ehre erweisen, die auf meinen Fahrten an meiner Seite gestanden hatten!

Ich straffte mich. Die Zeit war gekommen, den Pfad zu betreten, von dem ich bereits erkannt hatte, dass er der meine war. Im Grunde meines Herzens wusste ich seit geraumer Zeit, was mein Gebot war. Ich musste einfach nur beginnen, danach zu handeln.

Bald darauf fand ich mich also im Tempel des EFFerd wieder und sah mich Iltscha Krasnikov gegenüber, die ich im Festumer Rat kennengelernt hatte. Sie zeigte sich erfreulich gesprächsbereit, obschon sie unserer Unternehmung entschieden ablehnend gegenübersteht. Daran änderte unser Gespräch nichts, darauf kam es für mich aber nicht an, nicht zu jener Stunde. All ihre Bedenken verstehe ich nur zu gut. Wir sind es, die zumindest Teile davon widerlegen müssen, um zu zeigen, dass unser Pfad ein Weg ist, der in unserer Not beschritten werden kann. Iltscha Krasnikov würde unsere Fortschritte wachen Auges betrachten und sich des fortgesetzten Austauschs nicht verschließen. Einstweilen war dies genug.

Ladwenja von Tsastrand machte mir da mehr Sorgen, zurecht, wie mir Iltscha Krasniko versicherte. Tsastrand bekämpft die Blutige See bereits sehr lange, inzwischen mit entschlossener Verbitterung. Es nahm nicht Wunder, dass sie alle, welche sich der Archen bedienten als Feinde zu betrachten geneigt war; gleichwohl mir ihre Sichtweise etwas engstirnig erscheint, ist ihr Argument gegen uns doch weniger dem Glauben an die rechtschaffene Befolgung der Lehren der Zwölfgötter verhaftet, als der Unterstellung unlauterer Absichten gegen ihn ins Feld zu führen. Die größte Gefahr für uns aus dieser Richtung war Tsastrands mangelndes Vertrauen. Dem aber ließ sich abhelfen, dessen war ich mir gewiss, als ich von Iltscha Krasnikov Abschied nahm.

Weit brauchte ich nicht zu gehen, gleich hinter dem EFFerd Tempel etwas schräg versetzt, blickte trotzig der Sitz der EFFerd Bruderschaft in die Welt.

Immerhin empfing mich Ladwenja von Tsastrand. Tatsächlich gelang es mir, im Fortgang unseres Gesprächs, ihre wie eine Feuerrose erblühenden Zorn zu besänftigen und ihr abzuringen, dass die Schiffe der EFFerd Bruderschaft nicht umgehen das Feuer auf uns eröffnen würden. Ausschlaggebend dafür war mein Vorschlag, die EFFerd Brüder sollten einen Beobachter zu uns an Bord entsenden. Das überraschte sie. Die Aussicht, zudem weitere Geweihte an Bord anzutreffen, stimmte sie zusätzlich milde. Auf dieser Basis verständigten wir uns darauf, dass ein EFFerd Bruder mit uns in See stechen sollte, um das Seelenheil der Besatzung im Blick zu halten – und auch den Dämon. Das verhinderte, dass wichtige potenzielle Verbündete uns aus dem Wasser bliesen, ehe wir Gelegenheit hatten, uns zu beweisen. Somit war dieses Gespräch ebenfalls ein Erfolg für unsere Sache, zudem hatte ich das Beste ausgehandelt, was unter den Umständen zu hoffen war. Das war ein recht erfolgreicher Tag für die Unternehmung gewesen. Obwohl mir allzu bewusst war, dass das Schwerste noch vor mir lag, war ich doch irgendwie guter Dinge, als ich nun zu Finjan ins Kontor zurückkehrte. An diesem Tag war es zu spät für weitere diplomatische Offerten.

Auch so gab es noch reichlich zu tun. Den Abend verbrachten wir mit den Mannschaftslisten und der Frage, ob Xindra Meergenz, Jasper der Wandler und Bisfrabul Blutschluck tatsächlich Teil der Besatzung werden sollten. Nach der langen Reise mit Yasindanid, die ganz und gar erfüllt war von der beseligenden Sinnlichkeit des Kampfes Krieger gegen Kriegerin, die alles so klar werden lassen, stieß mich dieser Tag sogleich wieder hinein in das unübersichtliche Ringen von Kräften, Plänen und Willen, in dem die wahre Herausforderung viel zu leicht hinter den Bürden der Notwendigkeit aus dem Blick geriet, und die Auswirkungen eines Manövers weit schwieriger vorherzusehen waren. Lange war ich mir nicht mehr so bewusst wie heute, wie hell der Kampf im Lichte RONdras jedem ihrer Schwerter den Weg erleuchtet. Wir sind das Schwert. Wir sind der Kampf.

Mir ist mulmig zumute, angesichts des kommenden Tages. Aber der Blitz der Göttin erleuchtet mir den Weg. Ich brauche ihm bloß zu folgen.

Schreibe einen Kommentar