Gespielt am: 12. Juni 2021
Das Gespräch mit der Wahrerin der Ordnung in Festum verlief so erfolgreich, wie man es sich hätte erhoffen können. Ihre Zustimmung zum bevorstehenden Unterfangen stand nie zur Verhandlung doch wenigstens wir sie nicht aktiv versuchen, es zu unterbinden. Gleichwohl wird sie einen Inquisitor an Bord entsenden, der womöglich noch Schwierigkeiten machen wird.
Während meine Füße mich zurück in Richtung des Kontors trugen, erlahmte mein Schritt ein wenig als der Gedanke daran in meine Überlegungen drang, wohin mein nächster und letzter Gang der Kirchenverhandlungen mich führen musste.
Bezüglich unserer gemeinsamen Unternehmung drohte von dieser Seite keine Gefahr. Die Senne Borland kannte den Disput mit Perricum sehr wohl selbst. Gleich wie Gernot von Halsingen zu der Sache stehen mochte, er würde uns wohl keine Steine in den Weg legen. Perricum war eine andere Sache, doch letztlich glaube ich, man wird nicht versuchen, gegen uns einzuschreiten; Zumindest noch nicht. Höchstwahrscheinlich werden alle beobachten und abwarten, was nun geschieht. Aber das muss nicht so bleiben, selbst wenn wir erfolgreich sein werden. Die Angelegenheit ist überaus heikel. In diesem Moment aber war ich konkret meinetwegen besorgt – oder vielleicht ist das der falsche Begriff. Große Unruhe erfüllte mich. Ich fragte mich, zu welchem Urteil Ihre Eminenz gelangt war, welche Buße meinem Fehlverhalten entsprechen sollte. Höchst ungewiss war ich, was meine Sünden wieder gut machen könnte, wie ich im Dienst für meine Göttin weiter tragbar sein könnte. Am meisten aber besorgte mich, ob meine Strafe vereiteln mochte, mich auf den Zug zu begeben, den für meine Göttin auszurufen ich im Begriff war. Wie bitter wäre dies, nun da sie mir offenbart hatte, was eigentlich von mir verlangt wurde und wie ich der Berufung eines Geweihten genügen konnte. Indes wäre nicht genau dies eine passende Strafe, meinen Aufbruch zu verschieben, bis ich bewiesen hatte, aus meinen Verfehlungen gelernt, das recht Maß gefunden und mich der Gnade meiner Göttin als wert erwiesen zu haben? O ja, ich fürchtete diesen Urteilsspruch, ich fürchtete das Wiegen meiner Seele im Angesicht all der Irrtümer, deren ich unterlegen war.
So bereitete ich mich bangend auf meine zweite Begegnung mit Gernot von Halsingen vor, fest entschlossen, nicht erneut einen solch kläglichen Anblick eines Geweihten abzugeben, wie jenem, dessen er so schmählich, in Auflösung begriffen, hatte ansichtig werden müssen. Erneut bürstete und polierte ich meine Gewandung, wusch meinen Leib aufs Gründlichste und versenkte mich ins Gebet, erfüllt von dem Bestreben, mich gänzlich dem Willen der Göttin zu öffnen, die mir nun bald ihr Urteil offenbaren würde. Als ich den Tempel der Göttin betrat, erwartete der Geweihte Siegrond Rondratreu mich bereits. Ohne viele Worte geleitete er mich tiefer hinab in die Hallen des Tempels bis in einen Raum, in dem wir ihre Eminenz Gernot von Halsingen, an einem allein ihm vorbehaltenen Altar betend, vorfanden.
Alles, was auf dieses Bild des betenden Meisters der Senne Bornland folgte, erscheint mir nach wie vor unwirklich. Abermals glaubte ich, einen Traum zu betreten. Der Meister erhob sich und wandte sich zu mir um, mit einem durchdringenden Blick, der mühelos bis in mein Innerstes zu blicken schien. Ich musste mich sehr zusammennehmen, unter diesem Blick nicht zu erzittern. Dem Hohn der abscheulichsten Feinde mögen wir furchtlos entgegentreten, doch vor dem Urteil unserer Meister und Gefährten mögen uns die Knie schwach zu werden.
Als die Stimme des Meisters in diesem kleinen Raum der Heiligkeit zu sprechen anhob, erwartete ich noch immer einen Gewittersturm. Doch kein Tosen und Wüten brach los. Mit schwerer ruhiger Stimme richtete Ihre Eminenz das Wort an mich. Lange, so sagte er, habe er über den Bericht, den ich von meiner Fahrt gegeben hatte, nachgedacht, um dann Erkundigungen an vielen Orten über mich einzuholen, im Rhodenstein, in Khunchom – ich hatte augenblicklich ein Bild von Al Zulsabith vor mir und mein Herz tat einen heftigen Sprung – und darüber hinaus. Was ihm über mich berichtet worden sei, erzähle von einem aufrichtigen Diener RONdras mit großem Potential, dem aber das Vertrauen in sich selbst fehle. Dass ich allem zum Trotz noch lebe, müsse bedeuten, dass RONdra in dieser Welt noch nicht fertig mit mir sei. Für mich sei ganz klar eine Aufgabe bestimmt, die zu erfüllen sie mich auffordere. So solle denn die Buße meiner Verfehlungen meinem Betragen angemessen sein und mich dazu befähigen, RONdras Willen zu dienen. Nach reiflicher Überlegung lautete daher sein Ratschluss und Urteil wie folgt: Die Sühne, die mir zur Tilgung meiner Sünden auferlegt werden, bestehe darin, den Glauben in mir und allen Anderen zu neuer Stärke zu führen. >> Oberin Sturmbund, kniet nieder << verlangte der Meister des Bundes. Verwirrt gehorchte ich, ohne recht zu verstehen. Gernot von Halsingen ergriff seinen Rondrakamm und senkte die Klinge zunächst auf meine linke Schulter, dann auf meine rechte und berührte schließlich meinen Kopf damit. >>Oberin Sturmbund von Vallusa zu Rhodenstein<< sprach er, >>als Meister des Bundes der Senne Bornland ernenne ich Euch hiermit zum Verkünder Mythraels und Famerlors. Tragt das Wort in alle Winkel Aventuriens als RONdras Herold und Feuerschwert. <<
Mir schwindelte. Statt mich für meinen Ungehorsam zu züchtigen, wurde mir gerade die größte Ehre meines Lebens Zuteil. Ich begriff es nicht. Doch von Halsingen gestatte nicht, dass ich einen klaren Gedanken fasste. >>Mit Feuer seid Ihr getauft, Sturmbund, nun seht. << Mein Blick folgte der Schneide seines Rondrakamms, der auf drei Statuen wies. Es waren Abbilder Mythraels, Famerlors und RONdras. Mit einem Mal wallte dichter weißer Nebel um mich auf. Er füllte den ganzen Raum, bis die Wände zurücktraten. RONdratreu und von Halsingen waren verschwunden. Nicht einmal ein Boden schien sich noch unter meinen Knien zu befinden. Dort weilte ich, ohne Zeit, ohne Ort. Bis der wabernde Nebel sich zu einem Untergrund verfestigte und ich unvermittelt vor einem kleinen Hügel kniete. Darauf lag so schwer, dass sie den Hügel regelrecht eindrückte, eine knorrige Pranke. Um mich her trieb noch der Nebel. Dann aber stießen hoch über mir die Spitzen knochigen Schwingen durch den milchigen Sud; Sie wurden über mir ausgebreitet und dazu schob sich ein gar mächtiges Löwenhaupt hervor. Ich bin mir nicht sicher, ob der gewaltige Famerlor mich überhaupt bemerkt, wie er da über mir aufragt, doch ich erhebe mich, ziehe Sturmbund und erhebe es dem prachtvollen Kriegsherrn der Drachen und Lindwürmer zum Gruße. Und siehe da: Das Schwert meines Namens hat Feuer gefangen. Heftig schlug der Nebel erneut über mir zusammen. Im Schein des flammenden Sturmbund verweile ich ohne Zeit und ohne Ort. Plötzlich werden vor mir die Umrisse einer tigerköpfigen Gestalt sichtbar. Wie ich versuche, sie genauer in den Blick zu nehmen, kippt mein Blick nach hinten. Der Nebel wird durchscheinend, zerfließt für einen Moment, um mir einen Blick auf den bestirnten Nachthimmel zu gewähren. Dort über mir steht unangefochten das Sternbild des Helden, bis der Nebel sich erneut schließt. Erst ist da weder Zeit noch Ort, aber dann, als würde es aus mir selbst heraustreten, manifestiert sich in meiner Wahrnehmung das Schwert der Göttin, auf das mein Blick sich über das Vergehen ganzer Zeitalter hinweg haftet.
Das Nächste, was ich bemerke, sind die drei Statuen, vor denen ich stehe. Hinter mit ertönt Gernot on Halsingens Stimme: >>Brecht nun auf Oberin Sturmbund, Verkünder der Herrin RONdra. Wo Ihr geht, ist die Herrin<<
Also stieg ich die Stufen der Kammer hinauf, aus den Tiefen des Tempels wiedergeboren im Lichte unserer Herrin.
