[33.2] Lektionen der Maraske

Tagebuch des Oberin Sturmbund
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[33.2] Lektionen der Maraske
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In Yasindanid Unterweisung findet Oberin einen Zugang zu den Lebens- und Kampfesweisen von Rondras Vollstrecker, Kor. Wie die Maraskanerin ihn den Umgang mit dem Speer lehrt, so lehrt sie ihn auch die Härte des Lebens, ein ewiger Kampf.

Nichts davon lehrte Yasindanid mich mit Worten. Zu den seltenen Gelegenheiten, da wir doch sprachen, war ihre Zunge von der so charmant verwunderlichen Verschrobenheit, die dem ganzen Volke Maraskans zu eigen war. Was sie willig war, mir beizubringen, das hatte ich ihr im Kampfe abzuringen. Noch während wir Hand in Hand unter dem Madamal dahin liefen, begannen wir, zu kämpfen. Wir schlitterten über den verharschten Schnee, als seien wir beim Eislaufen. Die Maraskanerin bewegte sich mit unfassbarer Leichtigkeit und einem Balancegefühl, das mich schwindelig werden ließ. Anfangs berührte sie mich neckisch da und dort, kaum, sah ich sie kommen, geschweige denn ihren zustoßenden Speer. Wo immer ich hinstach, da war nur Luft. Sie glitt unter mir hindurch, sie wirbelte über mich hinweg, sie wand sich um mich herum und jedes Mal traf sie mich irgendwo. Bald holte sie zu Hieben aus, mit denen sie ganze Baumstämme einfach durchschlug. Wenn ich nicht ausgewichen wäre, wäre es mir nicht besser ergangen. Kaum kam ich einigermaßen damit zurecht, da regnete das Holz so zahlreich auf mich hinab, ich musste von Baumstamm zu Baumstamm hinauf springen wie auf einer Treppe, doch so sehr ich mich mühte, Yasindanid blieb immer über mir, hangelte sich von Ast zu Ast, ohne dass ein Tropfen Schweiß auf ihre sonnengebräunte Haut trat. Mir klebten die Haare schon am Kopf, als ich ihr immer schneller nachsetzte, selbst von Stamm zu Stamm, bald Ast zu Ast sprang. Gazellengleich hüpfte sie selbst die dünnsten Äste entlang, nur um sich gleich darauf aus einer anderen Richtung so stolz und geschmeidig wie eine Jaguarin über mich zu schieben und zuzustoßen, ehe ich ihren Stachel sah, sich zuletzt um mich zu winden wie eine Schlange. Nie sah ich die Maraske kämpfen, doch genau so muss es anzuschauen sein. Dann sprang Yasindanid auf und ich sprang hinterher und wir kämpften zwischen den Sternen, bis der Himmel rot gefärbt war. Bis Yasindanid unversehens einmal mehr triumphierend über mir aufragte, um sich urplötzlich an mir vorbei in die Tiefe zu werfen. Sie fuhr hernieder wie ein Blitz, der einen Felsen spaltet. Ich stürzte ihr hinterher und geriet zum Donner in ihrem Gefolge. Blitz und Donner und Gebirgsfelsentrümmer brachten einen Abhang ins Rutschen, wir fochten auf den rollenden Steinen weiter, waren wechselweise über und untereinander und was sich als Bergbruch losgerissen hatte, kam unter unseren Stößen zermalmt nur mehr als Kieselschwall im Tale an. Kaum war die Welle versandet, da ließ die Feuerzunge den Speer kreisen, dass ein gewaltiger Schneesturm aufkam. FIRun ließ den Wind schneiden heulen. RONdras Leuchtfeuer durchschossen den Himmel, der Schnee fiel so dicht, kaum ein Schatten hob sich im allgegenwärtigen Grau noch ab. Yasindanid aber fiel weiter über mich her. Die Schneiden unserer Speere durchstießen die Eiskristalle so heiß und schnell, dass bloß noch warmer Sommerregen unsere Haut benetzte. Das Blut des MantiKORs aber ließ manchen Regentropfen sauer werden. Einer davon fiel auf Yasindanids Wange – überrascht verhielt sie in der Bewegung. Da hätte ich sie um ein Haar niedergezwungen, doch im letzten Moment parierte sie meinen Stich so kraftvoll, dass ich durch den Sturm geschleudert wurde. Ich fand mich an der Grenze des Überwals wieder. Doch schon stürmte Yasindanid abermals auf mich ein wie ein wilder Eber. Unsere erhitzten Gemüter hatten wir im Schneesturm abgekühlt, so wurde es nun ein langes, intensives Gefecht voller Raffinesse, als Yasindanid mich nun zuletzt in die verwegenen Feinheiten ihrer Kampfkunst einweihte, auf den trägen Wellen des Flusses dahingleitend, stets nur eben gerade so heftig aufkommend wie gut geworfene Kieselsteine. Nebenher fischten wir unser Abendessen heraus und zum Nachtisch zeigte mit die Maraskanerin, wie selbst Gräten in ihrer Hand zu todbringenden Stichwaffen entwickelten.
     Am Morgen bekam ich die nächste Lektion noch vor Tau und Tag am Ufer des Flusses, um warm zu werden. Fast zu meinem Erstaunen fanden wir im Dorf die beiden Reittiere wohlauf. Ich zahlte den versprochenen Lohn, schon sprang Yasindanid zu mir auf das Pferd; um den Kampf nun auf engstem Raum fortzusetzen. Wie Spinnenbeine waren ihre Glieder, ihre Zähne Beißwerkzeuge, spiegelnde Facetten ihre Augen und ihr Stachel stach und stach. Sie war durch und durch eine Maraske, bloß war ihr Leib nicht so haarig. Kam ich ihr damit, eines ihrer Manöver sei nicht RONdra gefällig, belehrte sie ihren knuffigen Fremdiji, der eine solch kindliche Sicht auf die Welt hütete. Manchmal schenkte sie mir ihr maraskanisches Lächeln, wenn ein Vorstoß von mir sie besonders vergnügte, meistens aber wenn sie fand, dass ich mich besonders ungeschickt anstellte. Nun, ich hoffe doch sehr, mich zumindest als würdiger Schüler zu erweisen. Darüber hinaus bin ich begierig, der Tochter des Blutes wieder gegenüberzutreten, ausgestattet mit meinen neu erworbenen Fertigkeiten.
Wir schienen zum Ende der Madamal Stufen zu gelangen. Stirnrunzelnd dachte ich über den zurückgelegten Weg nach. Im Feuersturmtempel hatte ich an Al’Zulsabiths Seite ungefähr zweieinhalb Tage verbracht – wie kurzweilig war mir die Zeit verflogen, rascher als mir lieb war, für eine Weile frei von allen Lasten. Der Weg zurück aus dem Überwals schien nun plötzlich wie unvermutet nicht mehr Tage in Anspruch genommen zu haben als der Hinweg, so etwa drei bis vier. Doch die Unterweisung durch Yasindanid hatte eine unbestimmte Zeit gedauert, und jeder Muskel schmerzte mir im Leib. Am Rande fragte ich mich sogar, wo Groggi all die Zeit über gewesen sein mochte. Immerhin hatte mich dieser Eindruck verfolgt, ihn jederzeit aus den Augenwinkeln gerade eben zu erahnen. Nicht, dass es mich gekümmert hätte. Vermochte der Goblin überhaupt, die Zackentreppe der Madamalstufen zu betreten? Aber als ich mich nun umdrehte, war er tatsächlich wieder da, zuckelte auf seinem Pony zufrieden mit sich und der Welt hinter uns her.
Als wir die Überreste der Straßenbarrikade passierten, kam er zu meinem Leidwesen nicht umhin, der >>feurigen Frau<< von unserem Gefecht mit der Bande von Strauchdieben zu berichten, und das mit bemerkenswerter Ausgelassenheit und Heiterkeit. Beine habe es geregnet, so sagte er, wie zu Familienfesten beim Krabbenessen. Die Schamesröte stieg mir ins Gesicht – zumindest an meinen Ohren muss Yasindanid es bemerkt haben. Denn auf einmal zeigte sie Interesse an der Angelegenheit und wollte, dass ich mehr davon berichtet. Ich stellte klar, was sich hier zugertragen hatte. Die Maraskanerin fand nichts Bemerkenswertes daran. So sei es bestimmt gewesen und im nächsten Leben möchte sie ein glücklicheres Schicksal erwarten. Sie sprach von ein paar Bauernlumpen, die der Hunger zu Banditen hatte werden lassen. Doch unwillkürlich erinnerten mich ihre Worte an das, was Sindijian über seine Samurojin gesagt hatte. Geron hätte dem vielleicht beigepflichtet. Wer im Dschungel an die falsche Beute geriet, dem konnte es übel ergehen. Der Dschungel kannte kein Erbarmen.
Aber wie wir die verbrannten Barrikaden hinter uns ließen, da schwand der Schatten des MantiKORs und FIRuns tosender Ruf ebbte ab. Wir bewegten uns wieder auf das Licht meiner Herrin zu. Nur der Rote Dschungel war noch nicht still. Er redete, wie es seine Art war, unablässig zu mir. Aber in diesem Dschungel tauchten inzwischen Flecken auf, von anderer Beschaffenheit, wässrige Flecken in salzigem Rot. Und darin schien eine zweite Stimme zu sprechen, lockender und boshafter noch als der Große Verschlinger.
Yasindanid und Al´Zulsabith hatten zwei Dinge gemeinsam. Beide Frauen waren mir zweifellos über, weder der einen noch der anderen vermochte ich, standzuhalten. Und für beide gab es keinen Gegensatz von Leben, Ehre, Dienst und Lieben. All diese Dinge, Kampf und Tod gingen ineinander über in einem hingebungsvollen Reigen von Lebenslust und Kampfeswut. Mir aber hatten die anklagenden Blicke auf den gefrorenen Gesichtern der toten Räuber im Schnee enthüllt, dass es an der Zeit war meine Sünden vor der Göttin zu beichten. Selbst die Löwin vom See vermochte nicht die Makel von meiner Seele zu waschen, obwohl sie sich eigenhändig darum bemüht hatte. Sie hatte mir genug Atem gegeben, an all dem nicht zu ersticken. Doch nur ich selbst vermochte, mich von meiner Schuld freizumachen und Vergebung von der Göttin zu erflehen.
Die Toten blieben zurück, die Dämonen warteten auf uns. Die Todgeweihten ritten weiter.
Ich kehrte aus der Wildnis zurück und war bereit für das, was auf uns wartete, was an uns zu tun war; oder zumindest würde ich es bald sein. Der Speer auf meinem Rücken war nun ein Teil von mir, nicht länger ein Teil von mir, der keinen Platz in meiner Vorstellung eines RONdrianischen Geweihten besaß. Yasindanid hatte mir in mehr als einer Weise offenbart, wie der Speer ein Teil von mir war. Ohne es zu ahnen, hatte ich im Kampf RONdras Wesen erspürt, die Erkenntnis des Speeres hatte mich näher zu ihr geführt – und zu mir selbst. Ich bin ein Schwert RONdras und so wie ich bin, habe ich ihr zu dienen, so, wie ich es am besten vermag. Was zu tun war, wusste ich nun. Bevor das jedoch möglich war, musste ich Buße tun – denn das ist Teil meiner Art, ihr zu dienen. Das, was zu tun war, würde ich tun – wenn es fehl geht, soll RONdra über mich richten. Sie allein wird das Urteil sprechen. Der Kampf ist in mir und jetzt bin ich der Kampf, der Kampf wider alle Dämonen. RONdra führe meinen Speer. Schleudere mich hinab in die Finsternis als Dein Blitz, der die Dunkelheit zerreißt und die Blutige See zum Kochen bringt! Dein Werkzeug will ich sein, so schmiede mich neu.

An diesem Tag ritt ich unbesehen an der Kreuzung zum Sumpf vorbei. Meine Entscheidung reute mich nicht. Je mehr ich mich den Göttern hingab, desto mehr fand ich zu mir selbst.

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