[33.4] Der Rote Bote

Tagebuch des Oberin Sturmbund
Tagebuch des Oberin Sturmbund
[33.4] Der Rote Bote
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Gespielt am: 12. Juni 2021

Auf der Küstenstraße zwischen Neersand und Festum trifft Oberin nicht nur auf den Kor Geweihten Blutschluck, der entschlossen ist, trotz Finjans Absage weiterhin an Bord der Dämonenarche zu weilen, sondern auch auf eine Abgesandtschaft unter Flagge der Neersander Kriegerakademie. Nun kehrt er nach 10 Tagen in der Eiseskälte endlich nach Festum zurück.

19.FIRun 33 Hal, Festum

Der Vormittag war noch nicht weit fortgeschritten, da kehrten wir durch das Nordtor nach Festum zurück. Wir lenkten die Pferde durch die Straßen zum Rum & Grog doch, zumindest so viel konnte mir die Wirtin mitteilen, dort war Finjan nicht mehr. Ich besann mich, dass Blutschluck erwähnt hatte, recht beiläufig allerdings, der Kapitän habe ein Gebäude im Hafen erworben. Es sollte nicht allzu schwer sein, ihn dort ausfindig zu machen. So saßen wir wieder auf und ritten weiter zum Hafen hinunter.

Tatsächlich machte ich recht bald die Urischar am Anleger eines der Hafengebäude aus. Dort herrschte reges Treiben. Wir bahnten uns einen Weg durch das wuselige Kommen und Gehen, stiegen dann ab und banden die Pferde fest, ehe wir das Kontor betraten. Es schien weniger ordentlich als unser Lagerhaus in Khunchom, erweckte einen etwas vernachlässigten Eindruck, an Geschäftigkeit aber mangelte es auch hier drin nicht. Finjan war allerdings nicht zu übersehen, wie er da mit einer Frau Zwiesprache hielt, die offenkundig Magierin war.

Nachdem ich uns bemerkbar gemacht hatte, wurde sie mir auch sogleich als Magistra Xindra Meergenz aus der Halle des Quecksilbers zu Festum vorgestellt. Meinerseits präsentierte ich Yasindanid die Feuerzunge aus Maraskan. Natürlich wollte Finjan gleich alles darüber hören, wo ich so lange gesteckt hatte. Für so etwas war nun jedoch keine Zeit. Er musste sich einstweilen mit einer kurzen Erklärung zufriedengeben. Wichtige Dinge blieben in der Stadt zu tun und das eilige Beladen der Urischar erweckte den Eindruck, wir wollten bald aufbrechen. So zeigte der Kapitän sich damit einverstanden, statt einer Schilderung meiner Erlebnisse zu hören, mir einen Bericht über die Entwicklungen in Festum zu geben. Offenbar war es für uns besser gelaufen, als befürchtet und der Kapitän hatte meinen in ihn gesetzten Erwartungen voll auf entsprochen. Gleichwohl waren genau jene Punkte offengeblieben, die sich bereits unmittelbar vor meiner Abreise als mir obliegende Verantwortung abgezeichnet hatten. Mir stand eine Reihe schwieriger Gespräche bevor. Indes hatte der Goblin, den ich bereits wieder weitgehend vergessen hatte, sich selbst vorgestellt – anstatt endlich die Pferde zu nehmen und sie in den FIRun Tempel zurückzubringen. Aus einem mir unerfindlichen Grund fand der Kapitän Gefallen an dem roten Zwerg und lud ihn ein, an Bord zu kommen, ehe ich es verhindern konnte. Schlimmer noch: Der verschlagene Bursche verwickelte den Kapitän in eine wüste Verhandlung darüber, wie viele Mitglieder seiner Sippe er zusätzlich an Bord mitbringen durfte. Finjan bemerkte nicht einmal, wie er an Boden verlor. Ich ahnte, welcher Segen es gewesen war, dass ich den Goblin mit mi genommen hatte. Wäre er dem unbedarften Finjan früher hier in Festum begegnet, wer weiß, ob inzwischen nicht die gesamte Besatzung aus Goblins bestünde oder dieser verschlagene kleine Ork nicht sogar selbst das Kommando über die Arche an sich gerissen hätte!

Aber Finjan war in diesem Punkt nicht zu belehren. Darum hörte ich auf, hier meine Zeit zu verschwenden, entschuldigte mich und ging daran, mich schleunigst für die anstehenden Verhandlungen herzurichten. Für ein Vollbad war weder Zeit noch Gelegenheit, doch schrubbte ich zumindest Blut, Schweiß und Schlamm der Straße endgültig von meinem Leib herunter. Seit dem Fluss Überwals hatten wir nicht viel mehr als Schnee gehabt, unsere Körper zu reinigen, etwas notdürftig, doch gut genug, dem Gehorsam gegenüber dem Willen der Göttin zu bezeugen. Ein paar duftende Kräuter richteten meine leibliche Erscheinung wieder vollständig her, zumindest nach dem ich mein Haar nicht nur gesäubert, sondern auch einmal wieder eine rechte Form gebracht hatte. Mein Ornat war an Bord der Urischar gut verwahrt worden, nach diesen langen Wochen bürstete ich es dennoch gründlich aus, polierte auch die Stiefel ausgiebig.

Als alles richtig saß und kein Krümelchen Staub mehr irgendwo saß, war ich bereit, vor die Götter und ihre kirchlichen Diener zu treten. Auf meinem Weg aus unserer Hafenanlage hinaus, fing mich Magistra Meergenz ab, um den Bericht des Kapitäns durch ausführliche Erläuterungen zu ergänzen und mein Bild der Umstände zu vervollständigen. Das war zweifellos sehr hilfreich. Ich werde mir über diese Zauberin und ihre Rolle in unserer Unternehmung noch ein genaueres Bild machen müssen. Dies musste gleichfalls warten. Die Kirchen in unser Unterfangen einzubinden, sie zumindest nicht gegen uns aufzubringen, war das drängendste Gebot der Stunde. Noch vor unserem Aufbruch mussten wir zu irgendeiner Verständigung finden, ehe wir von Beginn an zwischen alle Fronten gerieten. Doch nach allem, was geschehen war, war es unvermeidlich der Festumer Tempel meiner Herrin RONdra, in den mein erster Weg führen musste.

Dunkel ragte der trutzige Granitbau über mir auf, der sich zwischen den Kerkern, dem Exerzierplatz und dem RONdrahain seinen Platz gesucht hatte. Sogleich als ich die Vorhalle des Tempels betrat, machte ich eins meiner Schwertgeschwister aus, das mich einlud, näher zu treten.

Ich fand mich vor einer Statue der Göttin wieder, auf den Schultern das Haupt einer Löwin, das Schwert oberhalb der Brust in Händen haltend. Die Mosaikfenster im Hintergrund waren mit prächtigen Löwen geschmückt. Zwei Stufen führten weiter hinauf zum Altar.

Nur einen Moment ließ mein Gastgeber mich die Stimmung der inneren Tempelhalle aufnehmen, ehe er mich in einen Nebenraum führte, in dem wir ungestört reden konnten. Über das Alter meines Schwertbruders hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Weder alt noch jung war er anzuschauen. Unzweifelhaft allerdings brachte er einiges an Erfahrung oder zumindest ein Gespür für sein Gegenüber mit. Schon als er mich fragte, aus welchem Grund ich hergekommen sei, schien er zu wissen, dass mir etwas auf der Seele lag. Und obwohl ich hergekommen war, um vor der Göttin Rechenschaft über meine Sünden abzulegen, entlockte er mich letztlich vielleicht doch mehr, als ich hatte vorbringen wollen. Nicht, weil ich nicht vorgehabt hätte, ehrlich zu sein, doch einiges von meinen Reisen ist mir nur wie ein Traum, auf den ich mir keinen Reim zu machen vermag. Lagen meine Sünden nicht offen zutage? Legte ich meine Verfehlungen nicht bereitwillig dar? Das Gemetzel an den Straßenräubern, die ich für Knechte des Feindes gehalten hatte; die Ermordung der Schiffsbesatzung während unserer Flucht aus Boran, eine schreckliche Verkettung von Fehlentscheidungen – nur die schlimmsten Unrechtstaten, die ich auf mich geladen hatte; das Menschenfleisch, welches ich in der Schwarzen Grube verspeist hatte; Taten aus der Not, die mein Trachten im Dienst der Göttin ins Gegenteil verkehrt hatten – ich berichtete sie alle. Jede Sünde, der ich mir bewusst war, gab ich preis. Wie also konnte er mehr von mir erfahren haben, als ich hatte sagen wollen; war ich doch hergekommen, mich der Göttin zu Füßen zu werfen. Vergebung für mein Versagen, ihr zu dienen zu erflehen und ihre Strafe zu empfangen? Vielleicht weil es meine Angst war, nach der er griff, nach den Dingen, die ich nicht verstand. Der alte Archenkapitän hatte mich im Duell getötet, mir den Dreizack durch die Kehle gestoßen. In meinem eigenen Blut war ich ertrunken, ich hatte es gefühlt. Wie konnte ich da noch leben? Wie hatte ich wiederkehren können, wo das Rot mich genommen hatte, mich umfangen und erstickt hatte, mich kalt gemacht hatte. Nur die Röte und die Stimme – Diese eine Stimme in einem endlosen Ozean des Todes; eine Stimme und ihre einzig warmen Lippen, die sie mir einflößten; ein Abschiedskuss – oder war es ein Willkommenskuss gewesen? Nicht alle Ängste, die einen heimsuchen, darf man aussprechen, nicht alle; schon gar nicht als Geweihter, nicht wahr? Es ist an uns, auf die Gottheiten zu vertrauen und nicht auf die Einflüsterungen verlorener Geister zu hören.

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