Gespielt am: 12. Juni 2021
Die Helden sind rastlos. Keine Stunde der Ruhe gab es seit Wochen und nun steht der erneute Aufbruch kurz bevor. Letzte Angelegenheiten müssen geklärt werden und Oberins schwerste Aufgabe steht im noch bevor.
20. Firun 33 Hal, Festum
Ich war vor der Dämmerung erwacht. An diesem Tag konnte es nur zwei Wege geben. Der erste führte mich zu einer angemesseneren Zeit zum Tempel des PRAios. Es ist eine Weile her, dass ich eine Stätte des Herrn des Lichts aufgesucht habe. Meine Beflissenheit im Dienste RONdras verbunden mit den Drängnissen unserer Fahrt nimmt mich seit geraumer Weile sehr ein, sodass man mir vorwerfen könnte, auf meinen Reisen die Schönheit und Glaubensfülle der vielen anderen Tempel der Zwölfgötter nicht angemessen gewürdigt zu haben. Eines Tages mag es mir vergönnt sein, die nachzuholen.
Gleichsam muss ich gestehen, mich in diesem heiligen Hallen stets etwas unwohl gefühlt zu haben. Hatte ich schon meine Herrin RONdra enttäuscht, wie sehr musste der gestrenge und gerechte Herr des Lichts mir zürnen? Nie habe ich Zylva von Tirandurs rechtschaffene Belehrungen vergessen, die sie mir in ihrer unnachgiebigen Zugewandtheit beizubringen suchte. Wäre sie meiner Taten ansichtig geworden, ihre Enttäuschung würde jene meines Onkels schier in den Schatten stellen. Mit harter Maßregelung würde sie mich zeien aber gewiss niemals aufgeben. Schmerzhafte Zurechtweisung hätte sie parat über das, was das Licht von der Finsternis scheidet. Mit Zylva von Tirandur wanderte ich lange bevor ich von dem erschütternden Zerwürfnis zwischen der RONdra Kirche und der PRaios Kirche erfuhr, der verderbten Bluttat, die Praioten an meiner Schwertgeschwister Vorgänger verübten. Bis heute eine nur verschämt bedeckt gehaltene, aber schwärende Wunde. Der unentschuldbare Exzess der Organisation kann vielleicht nie völlig vergeben werden, aber mein Onkel und Zylva hatten mir früh demonstriert, dass rechtschaffene Menschen stets zusammenfinden und in diesem Sinne jeglicher alte Hass versöhnt werden kann. Gleichwohl tue ich mich zumeist schwer mit den Praioten. Wo die Anhänger KORs zu viel Vergnügen am Blutvergießen finden, da sind die Praioten zu sehr dem allerstrengsten Ernst zugeneigt, engstirnig im Denken, kleingeistig gar. Sie geben dem Glauben keinen Raum zum Atmen, sie lassen ihn nicht leben, sie vollziehen ihn und erwarten das ebenso von allen Anderen. Dabei muss der Glauben nicht allein vom Geist gewogen werden, im Herzen muss er bewegt werden, vom Körper ausgelebt werden, nur so kann er in der Menschenseele quellen und zu ganzer Fülle heranreifen. Die Wahrheit des Glaubens findet sich nicht in auf Pergament festgehaltenen Sätzen, sie liegt in der Erkenntnis des Wesens der Götter und der Annäherung des Menschen an dieses nach seinem eigenen Wesen und Fähigkeiten. Wenn der Mensch versucht, sich streng nach den Regeln zu verhalten, in einer Welt, deren Zustand nicht allein aus dem Willen der Götter geformt ist, so muss er darin scheitern, ihnen ganz und gar zu dienen, wie ernst sein Glaube auch sei. Die Tiefe des Glaubens bemisst sich nicht nach der Buchstabentreue unseres Handelns, sondern danach, ob unser Handeln dem Wesen der Götter zustrebt und ihrem Willen dient. Die Götter gaben uns das PRAiosauge für den Tag und das Madamal für die Nacht, dazwischen, in ihrem Wechsel aber liegt das Zweilicht, an dessen Rändern die Schatten wachsen. Wir müssen zum Licht streben; das Licht verteidigen, wider alle Schatten; das Licht in die Dunkelheit tragen, damit die Nacht nicht überhandnimmt. Doch dort, wo wir das tun, dort ist nicht allein Licht, dort ist Schatten, Zwielicht und Dunkelheit. In einem Bau wie dem wieder errichteten Tempel wird nur allzu deutlich, dass seinen Erbauern der Sinn für diese Dinge fehlt. Wunderschön ist er anzuschauen, überflutet von Licht. Die Statue in der Mitte des Raumes ist durch Spiegeleffekte bei Tag jederzeit erleuchtet. Der Anblick muss das Herz aller Gläubigen erhellen. Doch was ist in der Nacht, was ist mit den Gläubigen dort draußen, die nicht im Tempel sein können, deren Heimat von den Schwarzen Landen verschlungen wurde? Das Licht, das wir zu ihnen tragen müssen, kann nicht so gleißen, nicht von solcher Reinheit sein. Doch wo wir es hintragen, wird es wieder heller strahlen. Aber zuerst muss jemand aufbrechen in die Länder, welche der Nacht anheimgefallen sind und nur Madas fahler Schein die Menschen noch daran erinnert, dass einst PRAios und alle Zwölfgötter ihnen ihr Licht gegeben hatten. Wir müssen es zurückbringen, selbst wenn das bedeutet, auf in die Nacht zu gehen. Zylva von Tirandur wäre diesbezüglich in vielerlei Hinsicht wohl kaum meiner Meinung, doch ich bin gewiss an der Seite meines Onkels wäre sie mit in die Schwarzen Landen gezogen, um das Licht des Herrn PRAios dorthin zurückzutragen.
So betrachtet ich die Tempelhalle mit sehr gemischten Gefühlen, ungewiss, was ich von Ihrer Eminenz Nadjescha von Gulnitz zu erwarten hatte, der Wahrerin der Ordnung. Gerade war die Mittagsmesse zu Ende gegangen. Der Sakralität des Ortes vermochte ich mich in keiner Weise zu entziehen, so gelangte ich doch zu einer gewissen inneren Ruhe zurück, die ich an diesem Ort nicht unbedingt erwartet hatte. Ich brauchte nicht lange zu warten, ehe ich zur Wahrerin der Ordnung vorgelassen wurde. Man führte mich in ihre Räumlichkeiten, Sie empfing mich in einem hell erleuchteten Zimmer. Das Licht besorgten überall im Raum aufgestellte Kerzen, die alles in einen Ton von Bronze kleideten. Es ist angemessen unser Gespräch nicht allzu weit auszubreiten.
Obwohl Ihre Eminenz nicht gerade aufgeschlossen für unsere Unternehmung ist, hatte sie gleichwohl die Güte, mir ein offenes Ohr zu schenken. Und auch, dass ich vielleicht allzu keck wurde, in meinem drängenden Bedürfnis, ihr unsere Beweggründe für unseren Plan darzulegen und glaubhaft zu machen, so sah sie mir doch großzügig alles nach, was ihren Anstoß hätte erregen können. Ich hatte nie vor, sie für unsere Sache zu gewinnen. Aus den dargelegten Gründen erschien es mir unmöglich, in der PRAios Kirche irgendeine Begeisterung für unser Unterfangen entfalten zu können. Zumindest aber gelang es mir, ihr einsichtig zu machen, dass was mich und jene, die mit mir auf diesem Pfad gehen werden, treibt, der Liebe zu den Göttern und Menschen entspringt und in keinerlei frevlerischem Streben wurzelt. So sie es also gewiss nicht gutheißt, vermochte ich doch sie gleichsam davon zu überzeugen, kein sofortiges und abwendbares Urteil über unsere Mission zu sprechen, sondern sich den anderen Kirchen anzuschließen, die in dieser Sache mitdebattiert hatten, und ihrerseits einen Geweihten an Bord zu senden. Dankbar, auf einen Menschen getroffen zu sein, mit dem man sprechen konnte und erleichtert, verließ ich den wiedererrichteten Tempel. Einstweilen hatte ich uns an der offenen Flanke der Kirchen den Rücken freihalten können. Jetzt drohten uns weder sofortiger Schießbefehl, noch unmittelbarer Kirchenbann. Doch viele wachsame, kritische Augen ruhten nun auf uns. Und wie mir vielfach versichert worden war, mussten wir damit rechnen, sogar das Augenmerk der Götter auf uns gelenkt zu haben. Wenngleich das für uns kein Grund ist, sich zu beunruhigen, so war nur allzu deutliche geworden, wie viel Verantwortung auf unseren Schultern lastete. Für einen Moment wünschte ich, Finjan könnte das begreifen. Dann wiederum war es für den alten Haudegen wohl besser, es nicht zu wissen. Für seine Kommandoführung war es besser so. Das Politische lag ihm ohnehin nicht. Diese Bürde liegt wohl bei mir.
